Zweiter Weltkrieg

Als die Amerikaner in Heusenstamm einmarschierten

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Karoline Elbert (links) – aufgenommen 1944 oder 1945 – mit Angehörigen im Garten der Kirche St. Cäcilia. 

Heute vor 75 Jahren marschierten amerikanische Soldaten während des Zweiten Weltkriegs in Heusenstamm ein. Die letzten Schüsse fielen am Nachmittag.

Heusenstamm – Der 26. März 1945, ein Montag, war ein warmer Frühlingstag, an dem man sich an der Sonne hätte erfreuen können. Doch das schöne Wetter passte wenig zu der Anspannung, die über Heusenstamm lag: Man wusste, die amerikanischen Soldaten werden heute Heusenstamm erreichen. Seit einigen Tagen schon hörte man das Grollen der sich nähernden Front. Die Straßen waren menschenleer. Die meisten Bewohner wollten den bevorstehenden Einmarsch im relativ sicheren Bunker oder Luftschutzkeller erwarten.

Vielen Einwohnern stand vermutlich die Angst ins Gesicht geschrieben, als gegen 9 Uhr eine versprengte Truppe von etwa 20 bis 25 jungen Soldaten in Heusenstamm eintraf. Die Gruppe war mit Fahrrädern und Panzerfäusten ausgerüstet und machte einen heruntergekommenen Eindruck. Sie wollten im alten Schulhaus an der Frankfurter Straße eine Verteidigungsstellung einrichten. Daraufhin wandte sich Pfarrer Rau an Ortsgruppenleiter Karl Zeiger und trug ihm seine ernsten Bedenken vor. Zeiger ließ daraufhin den ausgehungerten Soldaten ein reichliches Frühstück vorsetzen und empfahl ihnen den Weitermarsch. Gegen 12 Uhr zog sich die kleine Gruppe entlang der Bahnlinie Richtung Bieber zurück. Die Wehrmachtsoldaten hätten Heusenstamm zweifelsohne in eine sehr gefährliche Situation gebracht, da die Amerikaner nicht davor zurückschreckten, bei Widerstand einen Ort sofort unter Artilleriebeschuss zu nehmen.

Zweiter Weltkrieg in Heusenstamm: Amerikaner schießen drei Granaten

Ebenfalls nicht ohne Dramatik verliefen an diesem Vormittag Auseinandersetzungen um das Hissen von weißen Tüchern, die den Amerikanern die friedliche Übergabe des Ortes signalisieren sollten. Eine Frau hängte in der Paulstraße ein weißes Betttuch an einer Bohnenstange hinaus. Das sah der NS-Bürgermeister Franz Wessiepe und forderte sie lautstark auf, das Betttuch wieder ins Haus zu nehmen. Vor einem anderen Haus war es der Ortsgruppenleiter Karl Zeiger, der mit einigen Soldaten unterwegs war und brüllte, dass die weißen Fetzen zu verschwinden hätten.

Am späten Vormittag des 26. März, unmittelbar vor dem Einmarsch der Amerikaner, wurde eine junge Mutter noch Opfer des Krieges. Zusammen mit ihren Eltern und ihrem 14-jährigen Sohn Karl wartete die 33-jährige Karoline Elbert in einem Bunker, der sich im Garten des Hauses Kirchstraße 45 (direkt neben dem Torbau) befand. Vermutlich um ihr Einrücken anzukündigen und die Einwohner zu warnen, schossen die Amerikaner drei Granaten in den Ort. Eine schlug gegen 11 Uhr im Hof zwischen den Häusern Kirchstraße 45 und 43 ein. Die Hauswand an der Hofseite wurde dabei erheblich beschädigt, die sich im Bunker aufhaltenden Menschen blieben unverletzt.

Mit Efeu bewachsen ist inzwischen der Bunker im Garten des Hauses Kirchstraße 45, direkt neben dem Torbau. Dort hatte auch Karoline Elbert Schutz gesucht.

Doch Karoline Elbert war gerade in ihre Wohnung im ersten Stock gegangen, um für ihren Sohn einen wärmenden Pullover zu holen. Ein Splitter durchschlug die Hauswand und verletzte sie tödlich. Noch am Leben wurde sie in den Bunker getragen, dort verstarb sie wenige Minuten später, ohne noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Die Amerikaner erreichten Heusenstamm um die Mittagszeit, vielleicht gegen 13 Uhr. Ein Vorbote war das laute Brummen eines Aufklärungsflugzeugs, das seine Kreise über dem Ort zog. Panzer rückten aus Dietzenbach über die Hohebergstraße Richtung Ortskern vor. Infanterie näherte sich von der Waldesruhe kommend dem südwestlichen und südlichen Ortsrand, indem sie in Schützenlinien ausgeschwärmt über das offene Feld vordrang. Anwohner der Frankfurter Straße konnten durch die Klappläden beobachten, wie die Soldaten Mann hinter Mann die Häuserfront entlangliefen und die jeweils gegenüberliegende Seite mit dem Gewehr in der Hand absicherten. Um vollständig sicherzugehen, dass sich keine deutschen Soldaten mehr in Heusenstamm befanden und um verborgene Waffen zu finden, durchsuchten sie viele Häuser. Auch waren sie sehr an Lebensmitteln interessiert, wie eingemachtes Obst oder Wurstkonserven.

Zweiter Weltkrieg: Amerikaner schenken Kindern in Heusenstamm Kaugummi

Es dauerte nicht lange und die Bevölkerung traute sich wieder auf die Frankfurter Straße, die nun voll von Militärfahrzeugen war. Besonders die Kinder bewunderten die Panzer und bekamen von den Soldaten Kaugummi und Schokolade in die Hand gedrückt. Bei aller Vorsicht und Strenge der Amerikaner während der Hausdurchsuchungen, verhielten sie sich insgesamt recht freundlich. Es kam zu keinerlei ernsthaften Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung.

Vorüber war diese entspannte Stimmung allerdings, als am frühen Nachmittag eine Gruppe deutscher Soldaten am östlichen Ortsausgang begann, Widerstand zu leisten. Sie sollten vermutlich die Kreuzung Rembrücker und Obertshäuser Straße verteidigen und hatten sich dazu beim Sägewerk Kaltner (neben dem heutigen Jugendzentrum) eingerichtet. Von dort aus nahmen sie zur Überraschung der amerikanischen Soldaten den östlichen Ortsrand unter Beschuss. Als die Stellung der deutschen Soldaten zu erkennen war, erwiderten die Amerikaner das Feuer. Vier deutsche Soldaten mussten dabei ihr Leben lassen. Besonders tragisch ist der Tod von Baptist Stumpf aus Kronach in Franken, der in Heusenstamm an seinem 18. Geburtstag sein Leben verlor. Er war ein ruhiger, höflicher und sehr musikalischer Junge, spielte Schifferklavier, dazu noch Geige und Zither. Im Dezember 1944 war er in Fürth als Kanonier eingerückt, sein weiterer Einsatz ist nicht bekannt.

Baptist Stumpf starb am 26. März 1945. 

Für großes Erstaunen und viele ungläubige Blicke sorgte das Erscheinungsbild der amerikanischen Soldaten. Dazu gehörte an erster Stelle ihre Versorgung, aber auch die gute Kleidung, insbesondere wenn man die Bilder der geschlagenen deutschen „Landser“ in Erinnerung hatte, die in den vergangenen Tagen zurückgeflutet waren.

Von den Einwohnern fiel an diesem Tag eine ungeheure Last ab. Kein Alarm, keine Störung der Nachtruhe, keine Sirenen mehr, keine Tiefflieger, keine Nächte im Bunker. Große Erleichterung machte sich breit, ein Gefühl, das vermutlich alle Heusenstammer teilen konnten. Bei vielen trat jedoch auch die Auffassung hinzu, besiegt zu sein. Für die Heusenstammer endete der 26. März 1945 mit der Verhängung einer Ausgangssperre. Die Bevölkerung konnten nun eine ruhige Nacht verbringen, einige Einwohner allerdings nicht in ihrem eigenen Bett. Sie hatten ihre beschlagnahmten Häuser zur Unterbringung amerikanischer Soldaten verlassen müssen.

VON MICHAEL KERN

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