Demenzlotsen sind Ersthelfer

Malteser und Caritas lehren den Umgang mit besonderen Patienten

Den Umgang mit Demenzpatienten lernen Händler und Rathausmitarbeiter mit Kundenkontakten. 
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Den Umgang mit Demenzpatienten lernen Händler und Rathausmitarbeiter mit Kundenkontakten. 

Demenz ist eine weit verbreitete Krankheit, auch Einzelhändler und Mitarbeiter der Stadtverwaltung sind immer häufiger damit konfrontiert. Der Malteser Hilfsdienst (MHD) Stadt und Kreis Offenbach hat darum die Ausbildung von Demenzlotsen gestartet.

Heusenstamm – Da ist die ältere Dame, die zum dritten Mal im Büro der Seniorenberaterin steht, um sich für den Ausflug anzumelden. Oder der Herr, der verzweifelt seine Hausschlüssel sucht und diese schließlich doch in einer Jackentasche findet. 

Demenz ist eine weit verbreitete Krankheit, auch Einzelhändler und Mitarbeiter der Stadtverwaltung sind immer häufiger damit konfrontiert. Der Malteser Hilfsdienst (MHD) Stadt und Kreis Offenbach hat darum die Ausbildung von Demenzlotsen gestartet.

Inzwischen gibt es bereits in elf hessischen Städten solche Lotsen. Sie sind vor allem dort aktiv, wo sich Menschen aufhalten, Kontakt zu anderen haben. Gefördert wird die Qualifizierung vom Ministerium für Soziales und Integration, in diesem Fall von der Stadt Heusenstamm und dem Caritasverband Offenbach. Monika Heinz von den Maltesern koordiniert die Helfer und den Unterricht an einem Tag.

Zehn Teilnehmer aus Stadtverwaltung und Bürgerbüro, Wirtschaft und Kirchen beteiligen sich am jüngsten Kurs im Schlossrathaus. Sie verfolgen zunächst das Video zu einem Lied von Purple Schulz, das sich mit Demenz beschäftigt. Monika Heinz schildert die verschiedenen Erscheinungsbilder der Erkrankung, vermittelt ein Gespür für das, was sich hinter dem „großen Wort“ verbirgt, und gibt Tipps zur Kommunikation mit Betroffenen.

Damit sich die neuen Lotsen in deren Situation reinfühlen können, lädt die Leiterin zur Selbsterfahrung ein, Beispiel Nahrungsaufnahme: Nur in einen Spiegel blickend sollen die Probanten Murmeln mit einem Löffel aufnehmen und in eine Schüssel befördern. Rasch werden die Teilnehmer nervös, versuchen, mit ihren Fingern nachzuhelfen oder direkt auf die Kugeln zu schauen.

„So ist das für viele Kranke, wenn sie sich anziehen oder zu Bett gehen wollen“, vergleicht die Beraterin. All das sei eine große Herausforderung für Demenzpatienten. Sie ermüden rasch durch Stress und weil sie die Erwartungen ihrer Angehörigen nicht mehr erfüllen können. Das sei oft auch Auslöser von Aggressionen: „Die Erfahrung macht sie wütend, traurig, depressiv und enttäuscht, weil sie die Leistung nicht vollbringen können.“

Noch eine Übung vorm Spiegel: Druckbuchstaben und ein Stern sollen nachgezeichnet werden. „Nach links und nach rechts klappt’s irgendwie noch, auch nach unten, aber nach oben geht’s einfach nicht.“ Marcus Leonard ist Vorsitzender des Gewerbevereins Heusenstamm und vertreibt spezielle Rollatoren und Elektromobile. Nach dem Test äußert er sich erschrocken über sein eigenes Unvermögen. Der Lerneffekt ist ihm wichtig. Leonard sieht sich selbst als „Multiplikator im Einzelhandel, der Anregung und Information weitergeben kann“.

Eine Ärztin, die in der eigenen Familie schon Erfahrungen mit Demenz gesammelt hat, ist besonders interessiert am Hilfe-Netzwerk, das die Maltesern damit aufbauen. Die Fortbildung sei sehr bereichernd, zeige, wie herausfordernd die Erkrankung ist.

Das Projekt sei nachhaltig ausgelegt, bestätigt Heinz. Es werde weitere Schulungen und Treffen geben. „Isolation müsste nicht sein“, meint Caritas-Krankenschwester Ruth Köhler-Swiatek. „Es geht um Achtsamkeit“, meint sie. „Wir versuchen, das Umfeld von Betroffenen zu sensibilisieren.“ Demenzlotsen seien wie Ersthelfer, vergleicht Heinz. Sie verlieren nicht die Geduld, lassen den Kranken ausreden, sprechen ihn in seiner Stimmungslage an, ohne ihn zu verletzen.

VON MICHAEL PROCHNOW

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