Zweifel an der Schuld

Nach fast tödlichem Überfall auf Seniorin: Revision gescheitert

Heusenstamm - Zu sieben Jahren Haft wegen versuchten Totschlags hat das Landgericht Darmstadt vor zwei Jahren einen inzwischen 50 Jahre alten Mann aus Dietzenbach verurteilt. Von Silke Gelhausen-Schüßler  

Er soll eine damals 70 Jahre alte Heusenstammerin in deren Wohnung an der Bleichstraße fast erschlagen haben. Bis heute gibt es jedoch offene Fragen in diesem Fall. Ein Justizirrtum oder ein notorischer Lügner als Angeklagter? Ein 50-jähriger Dietzenbacher sitzt seit mehr als einem Jahr in Vollstreckungshaft. Er soll am Mittag des 12. Oktober 2012 eine damals 70 Jahre alte Seniorin in ihrer Wohnung an der Bleichstraße beinahe erschlagen haben (wir berichteten ausführlich).

In dem aufsehenerregenden Indizienprozess hatte der Beschuldigte immer wieder seine Unschuld beteuert. Bis heute ist er dabei geblieben. Die Rentnerin hatte ein offenes Schädelhirntrauma erlitten, schwebte wochenlang in Lebensgefahr, sitzt seitdem im Rollstuhl und lebt in einem Pflegeheim. Sie kann sich an nichts erinnern.

Der Täter war an jenem 12. Oktober über die offene Balkontür in die Wohnung der Frau im Hochparterre eingedrungen. Dort wurde er offensichtlich von der Bewohnerin überrascht. Er schlug fünf Mal mit einem stumpfen Gegenstand zu, bevor er mit ihrer roten Geldbörse auf dem gleichen Weg flüchtete. Die elfte Strafkammer des Landgerichts Darmstadt verurteilte ihn zu sieben Jahren Gefängnis wegen versuchten Totschlags.

Das innerhalb der einwöchigen Frist eingelegte Rechtsmittel gegen dieses Urteil wurde inzwischen vom Bundesgerichtshof abgelehnt. Im Schreiben des BGH heißt es: „Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Darmstadt vom 6. März 2015 wird als unbegründet verworfen, da die Nachprüfung des Urteils aufgrund der Revisionsrechtfertigung keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben hat.“

Das alles war für den bis dahin unbescholtenen Familienvater ein schwerer Schlag. Inzwischen hat er seinen Anwalt gewechselt. Dieser strebt nun ein Wiederaufnahmeverfahren an. Ob dieser Antrag Erfolg haben kann, ist offen. Nur so viel ist sicher: Es wird kein leichter Weg. Nach Paragraf 359 der Strafprozessordnung muss dafür mindestens einer von sechs stichhaltigen Gründen vorliegen. Solche können sein: die nachweisliche Falschaussage eines Zeugen zuungunsten des Verurteilten, oder neue Beweismittel liegen vor, die eine mildere Bestrafung oder gar Freispruch begründen würden, oder ein Richter oder Schöffe hat am Urteil mitgewirkt, der sich im Sachbezug einer strafbaren Verletzung seiner Amtspflichten schuldig gemacht hat.

Die Chance auf eine Wiederaufnahme stehen aber nicht gleich null, wenn auch schlechter als die Chance auf eine Revision. Von den stattgegeben Verfahren haben nur drei Prozent Erfolg. Doch ist es meist das letzte Rechtsmittel, das einem Verurteilten bleibt, um sich gegen rechtskräftige Richtersprüche zu wehren.

Mit sieben Jahren Gefängnis ist der 50-Jährige – geht man von seiner Schuld aus – noch milde weggekommen, denn die Anklage hatte ursprünglich „versuchter Mord“ gelautet. Doch auch Staatsanwalt Dirk Schillhahn rückte damals vom schwersten aller Verbrechen ab, forderte in seinem Plädoyer achteinhalb Jahre Arrest. In Untersuchungshaft saß der Handelsvertreter für Werkzeug indes nie. Trotz der Schwere der Schuld ging man nicht von Fluchtgefahr aus.

Sein damaliger Offenbacher Verteidiger Andreas Bruszynski äußert sich auf Anfrage: „Ich war damals wie heute absolut überzeugt von der Unschuld meines Mandanten. Neben seiner immer gleichen glaubwürdigen Aussage gibt es mindestens drei Tatsachen, die mir jeglichen Zweifel nehmen.“

Erstens: Eine Blutspur mit Abdruckfragmenten von Sportschuhsohlen führt bis auf das Balkongeländer, über das der Täter bei seiner Flucht geklettert sein muss. Beim Landeskriminalamt in Wiesbaden machte der Dietzenbacher auf eigene Initiative hin mit den gleichen Schuhen Probeläufe durch Schweineblut. Keiner seiner vielen Tritte kam dabei denen am Tatort nahe. Ursache ist dafür womöglich das kranke Kniegelenk des 50-jährigen, das ihm einen sauberen Gang unmöglich macht.

Messerstiche in Offenbach: Bilder vom Tatort

Zweitens: Der Verurteilte hatte gute Ortskenntnis. Die Gegend in Schlossnähe gehörte zu jenen, die der Handelsvertreter regelmäßig aufsuchte. Die Wohnung des Opfers war ihm zudem von kleinen handwerklichen Dienstleistungen bekannt. Warum also sollte er über das Nachbargrundstück auf die Bleichstraße flüchten, wo ihn am helllichten Tag viele hätten sehen können, wenn er doch bequem und näher von der Balkonseite des Hauses unerkannt über einen kleinen Weg (Julianenpfad) hätte türmen können?

Drittens: Nach einem Beitrag in der TV-Sendung „Aktenzeichen XY“ meldete sich ein Imbissbudenbesitzer, er habe am Tattag einen Kunden gehabt, der in Kleidung, Statur und mitgebrachter Werkzeugkoffereinlage dem des Täters, den eine Nachbarin gesehen hatte, auffallend ähnelte. Die Polizei konnte diesen Mann – einen Vorbestraften – sogar ermitteln, verfolgte aber, aus welchem Grund auch immer, diese Spur nicht weiter.

Rubriklistenbild: © Archivfoto: clb

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