Bücherei in Telefonzelle?

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Schon bald eine Bücherei? Die Telefonzelle aus Tonbridge

Heusenstamm - Seit Mitte der 80er Jahre schon steht sie am Schloss. Und diente über viele Jahre ihrem eigentlichen Zweck, die rote Telefonzelle. Doch damit ist es mittlerweile vorbei. Vom „öffentlichen Münzfernsprecher“ zeugt nur noch eine löchrige Rückwand. Von Claudia Bechthold

In Zeiten einer fast flächendeckenden Versorgung der Bürger mit Mobiltelefonen werden Telefonzellen nicht mehr gebraucht. Aber das rote Häuschen ist mehr. Deshalb wollen die Grünen sie jetzt „umnutzen“: Daraus könnte eine „Bücherei“ werden.

Was zunächst merkwürdig klingt, gibt es in anderen Städten längst: eine sogenannte Telefonzellen-Bücherei. Die Idee haben Heusenstamms Grüne aus dem Kreis mitgebracht. In Rodgau zum Beispiel und in Rödermark funktioniert dies schon seit einiger Zeit richtig gut.

Sich ständig ändernder Bestand

Das Prinzip der Idee ist einfach, betont Heiner Wilke-Zimmermann, Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Stadtverordnetenversammlung. Man baue in eine ausgediente Telefonzelle ein paar Regalbretter. Diese werden dann bestückt mit gebrauchten, also ausgelesenen Büchern. „Die Bücher sollten natürlich noch brauchbar sein“, erläutert der Fraktionschef. Aus diesem Bestand kann sich nun jeder, der möchte, ein Buch ausleihen. Bitte, aber keine Voraussetzung dazu: Er stellt selbst ein anderes Buch hinein. Auf diese Weise ändert sich der Bestand ständig.

So, wie das rote Häuschen inzwischen auf dem Platz steht, an dem Schlossstraße, Wiesenbornweg und Neuer Weg aufeinander treffen, habe es keine Verwendung mehr. „Eine leere Hülle ohne Sinn und Zweck“, heißt es im Antrag der Grünen an die Stadtverordnetenversammlung. „Aber eigentlich ist diese Zelle doch ein Denkmal für die Verschwisterung mit unseren Partnerstädten“, betont Wilke-Zimmermann.

Tatsächlich ist es eine origional britische Telefonzelle, die die englische Partnerstadt Tonbridge & Malling den Heusenstammern aus Anlass der Verschwisterung geschenkt hat. 1984 hatten die damaligen Stadtoberhäupter Janice R. Browne und Adolf Kessler die Urkunde zur Partnerschaft unterschrieben. Und die Heusenstammer mögen das auffällige Häuschen, auch wenn an der einen oder anderen Stelle mal ein wieder ein wenig Farbe aufgetragen werden müsste und zudem zwei Scheiben fehlen. Dr. Volker Schneider vom Heimat- und Geschichtsverein berichtet, bei Stadtführungen stets nach der Zelle gefragt zu werden. Ein beliebter Hintergrund für Hochzeitsfotos ist sie außerdem.

Andere Städte haben extra Telefonzellen gekauft

Andere Städte hätten zur Einrichtung einer solchen Mini-Bücherei eigens ausrangierte Telefonzellen gekauft, sagt Wilke-Zimmermann. Heusenstamm besitze eine, und eine besondere dazu. Es sei ein bisschen schade, dass der Standort sehr nah an der Stadtbücherei liege. Aber diese Zelle auf dem Platz der Verschwisterung gehöre nun mal dorthin.

Wie gut das Prinzip der Telefonzellen-Bücherei funktionieren könne, sehe man in Rodgau und Rödermark. Die Rödermarker – dort hatten Anwohner die Einrichtung initiiert – können sich kaum retten vor Büchern. Und auch in Rodgau macht man gute Erfahrungen. Dort wird eine Zelle in Jügesheim von der Stadt betreut. Die zweite in Weiskirchen hat die CDU unter ihren Fittichen. J Foto: clb

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