Allmählich am Limit

Corona-Pandemie führt Hausarztpraxis an die Belastungsgrenze

Zu einer psychischen und physischen Belastung ist die Arbeit in den Hausarztpraxen durch die Corona-Pandemie geworden, sagen Susanne Heberer, Dr. Christoph Schröder und Kerstin Busch (von links).
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Zu einer psychischen und physischen Belastung ist die Arbeit in den Hausarztpraxen durch die Corona-Pandemie geworden, sagen Susanne Heberer, Dr. Christoph Schröder und Kerstin Busch (von links).

„Wir sind alle am Limit“. Die Folgen der Corona-Pandemie belasten auch die Mitarbeiter in den Hausarzt-Praxen. Und dies in vielen Facetten.

Heusenstamm – Das beginnt mit den Grippe-Impfungen, für die ganz offensichtlich nicht genügend Impfstoff zur Verfügung steht. „Normalerweise haben wir etwa 800 Grippe-Impfungen im Jahr“, berichtet Dr. Christoph Schröder, der die Praxis in der Mozartstraße mit insgesamt fünf Ärzten betreibt. Für dieses Jahr hatte man in aller Voraussicht schon 1300 Impfstoff-Dosen bestellt, weitere 300 wurden noch nachbestellt. „Jetzt ist alles weg, und die Leute sind sauer“, sagt der Mediziner. Ähnliches gelte für die Pneumokokken-Impfung, die schon seit August nicht mehr lieferbar sei, aber für die weiter öffentlich geworben werde.

Den Ärger der Leute, wenn sie keine Impfung erhalten, bekommen die Mitarbeiterinnen in der Praxis ab. Diese würden regelrecht beschimpft, sagt Christoph Schröder. Die Wortwahl dabei sei zum Teil nicht zitierfähig. „Ich hoffe, ihr kriegt alle Corona“, sei noch einer der harmloseren Aussprüche gewesen, die sich die Helferinnen schon anhören mussten. Natürlich verstehe man die Leute, betont Kerstin Busch, die gemeinsam mit Susanne Heberer für das Praxis-Management an der Mozartstraße zuständig ist.

Arztpraxis durch Corona am Limit: Beschimpfungen sind nicht die einzige Zusatzbelastung

Doch die Beschimpfungen von Patienten sind nicht die einzige Zusatzbelastung für die MFAs. So ist die Bürokratie deutlich mehr geworden. Die Abstriche zum Beispiel bei Patienten zur Untersuchung auf das Coronavirus müssen auf sieben verschiedene Arten abgerechnet werden: je nachdem, ob die Person Erkältungssymptome hat oder nicht, Kontakt zu einem infizierten Patienten hatte oder nicht, von einer Reise aus einem Risikogebiet zurückgekehrt ist, durch die Corona-Warn-App auf einen Kontakt hingewiesen worden ist oder in einer Kita oder Schule, einem Krankenhaus oder einer Arztpraxis arbeitet, erläutert Susanne Heberer. „Und das ändert sich dann auch noch alle zwei Wochen“, ergänzt Christoph Schröder.

Aber auch die Organisation des Praxis-Alltags ist sehr viel aufwendiger geworden. Denn der „normale“ Betrieb laufe ja neben den Corona-Tests weiter. Dabei müsse natürlich darauf geachtet werden, dass sich nicht zu viele Patienten gleichzeitig in den Räumen aufhalten. Manche müssen auch im Freien warten, was bei Regen oder niedrigen Temperaturen nicht immer auf Verständnis stoße. Und das Telefonieren sei inzwischen zum Hauptgeschäft in der Praxis geworden. Die Leitungen seien fast ununterbrochen belegt, was ebenfalls zu Verärgerung bei Patienten sorge. Dazu kommt der Aufwand, den die Mitarbeiterinnen etwa für einen Abstrich betreiben müssen, den sie nur in Schutzkleidung machen dürfen. Das Material dafür zu bekommen sei ebenfalls weiterhin schwierig.

Corona-Pandemie in Arztpraxen: Nicht einmal Schnelltests für die eigenen Mitarbeiter

Und dann sei da noch die Sache mit den Schnelltests. „Den Menschen wird gesagt, dass sie in ihrer Hausarztpraxis einen Schnelltest auf das Virus machen können, aber es gibt keine Tests“, berichtet Christoph Schröder. Man habe nicht einmal Tests für die eigenen Mitarbeiter.

Wie lange diese Situation noch auszuhalten ist, weiß Kerstin Busch nicht. Aber es wundert sie nicht, dass von immer mehr Kolleginnen zu hören ist, dass sie aus diesem Beruf aussteigen wollen. (Claudia Bechthold)

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