„Stell dich mal hin und erzähl“

Talkshow aus der Backstube: Bäcker wird zum Internetstar

Ein Bäcker aus Heusenstamm wird zur Berühmtheit auf Facebook und YouTube. Er etabliert gerade eine Talkshow aus der Backstube.

  • In der Corona-Krise fing ein Bäcker aus Heusenstamm an, sich auf Facebook zu präsentieren.
  • Mittlerweile hat er ein Talkshow-Format.
  • Zu den „Bäcker-Weisheiten“ lädt er sich verschiedene Gäste in seine Backstube ein.

Heusenstamm – Sie ist die älteste Bäckerei in Heusenstamm. Seit mehr als hundert Jahren wird an der Unnergass, wie die Schlossstraße liebevoll genannt wird, bei der Familie Paul gebacken. Und sie ist bis heute ein Familienbetrieb. Stefan Paul hält die Tradition seiner Ahnen in Ehren. Aber seit Beginn der Corona-Krise ist er auch zum Internet-Star geworden. Man nennt ihn inzwischen auch den Facebook-Bäcker. Stefan Paul ist Ur-Heusenstämmer. Sein Urgroßvater hat die Bäckerei begründet, sein Großvater Adolf und sein Vater Wolfgang haben sie weitergeführt. Und so hat auch er ganz selbstverständlich 1982 das Bäckerhandwerk gelernt. „Ich hab das mit der Muttermilch aufgesogen“, sagt er. Besonders stolz ist er, dass er auch heute noch nach den Rezepten seiner Familie Brot und Kuchen herstellt, das ausgehobene Bauernbrot aus Sauerteig zum Beispiel.

Sein ganzes Leben habe er in der Backstube verbracht, erzählt Stefan Paul. Das frühe Aufstehen sei für ihn normal. Und er hat immer noch Spaß an seinem Beruf, tüftelt hin und wieder an neuen Rezepten. Stefans Urlaib heißt sein jüngstes Produkt, ein Brot aus Dinkel, Roggen und Malz. „Das hält sich eine ganze Woche“, betont er immer wieder. Legendär sind zudem seine Schokosahnetorte, der Käsekuchen und die Nussrollen.

Bäcker aus Heusenstamm wird durch Idee des Sohns bekannt

Dass der 53-Jährige inzwischen weit über Heusenstamms Grenzen hinaus bekannt ist, verdankt er seinem Sohn Mike. Der gelernte Automobil-Kaufmann hatte während des Lockdowns die Idee, seinen Vater auf der Internet-Plattform Facebook zu präsentieren. „Wir wollten die Backkunst in den Vordergrund stellen“, erläutert der 27-Jährige seinen Grundgedanken.

Also begann Mike Paul, Fotos zu machen und kurze Videos zu drehen. Das allererste zeigt seine Mutter Kerstin Paul im Laden. Am 19. Mai begann dann Stefan Paul, seine Produkte per Video vorzustellen. „Stell dich mal dahin und erzähl“, habe sein Sohn zu ihm gesagt, erinnert sich der Bäcker. Und dann habe er einfach „losgebabbelt“, „so, wie er ist“, fügt Mike Paul an.

Stefan Paul mit Karl-Heinz Körbel und Steffen Ball (von links) während des Drehs zu den Bäcker-Weisheiten.

Mehr als 10.000 Menschen sehen Video von Bäcker aus Heusenstamm

Der Erfolg war riesig. 11.500 mal wurde allein dieses kurze Filmchen angeklickt. Und es kamen neue Kunden, aus Rodgau, aus Rödermark und sogar schon aus Bad Homburg. Inzwischen, sagt Mike Paul, werde man schon gefragt, wann endlich das nächste Video erscheint. Wie er sich diesen Erfolg erklärt? „Ich denke, weil mein Vater dabei so authentisch ist.“

Einer der ersten Kunden, der Stefan Paul auf das Video ansprach, war Steffen Ball. Gemeinsam entwickelten die beiden daraus die Idee zu einem Gespräch in der Backstube. Sie holten den 18 Jahre alten Justus Kallmeyer ins Boot, der Kamera und Schnitt übernahm. Unter dem Titel „Bäcker-Weisheiten“ drehen sie seitdem regelmäßig eine Art Heusenstammer Talkshow in der Backstube. Zu sehen ist dies bei Facebook und auf dem Videokanal „Youtube“ im Internet.

Bäcker aus Heusenstamm lädt mittlerweile Gäste in die Backstube ein

Während „Stefan und Steffen“ ihre erste Sendung allein bestritten, laden sie sich inzwischen Gäste ein. Matthias Kilian, Vorsitzender des Karneval Klubs Disharmonie, zählte schon dazu, Rudolf Fauerbach vom Heimat- und Geschichtsverein, Sandra Gilmer von der Gaststätte „Katja“ und Katrin Rebell, stellvertretende Wehrführerin in der Schlossstadt.

Bisheriger Höhepunkt für Stefan Paul war aber der Besuch von Eintracht-Legende Karl-Heinz Körbel in seiner Backstube. „Wie einen Ritterschlag“ hat er das empfunden. Zumal Charly Körbel viel mehr mit Heusenstamm zu tun hat, als viele wissen.

Nussrollen von Bäcker Stefan Paul aus Heusenstamm für die Eintracht

Denn seine Fußball-Karriere bei Eintracht Frankfurt hat in der Schlossstadt begonnen, wie er in den Bäcker-Weisheiten verriet. Weil ein anderer Spieler ausgefallen war, rief Trainer Erich Ribbeck den damals 17-Jährigen im Oktober 1972 an, ob er sich vorstellen könne, gegen den FC Bayern München zu spielen. So kam er ins damalige Mannschafts-Quartier der Eintracht, das Hotel mit Pizzeria „Gardasee“ an der Lerchenstraße in Heusenstamm.

Später zog Körbel mit seiner Familie an den Niederröder Weg und danach ins Sommerfeld. Und er kaufte regelmäßig Nussrollen und Käsekuchen beim Bäcker Paul – auch für die Mannschaft. „Die Erfolge der Eintracht sind also auch meiner Nussrolle zu verdanken“, sagt Stefan Paul mit einem verschmitzten Lächeln. (Claudia Bechthold)

Rubriklistenbild: © clb

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