Prozess gegen mutmaßlichen Seniorenschläger

Papa kann gar nicht klettern

Heusenstamm - „Der tut keinem was zuleide! Da haben die sich den Falschen ausgesucht, und der Richtige ist längst über alle Berge!“ - die Urheberin dieser Worte macht keinen Hehl aus der Überzeugung, dass ihr Schwiegersohn unmöglich der Täter sein kann. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Nämlich derjenige, der am 12. Oktober 2012 den beinahe tödlichen Überfall auf eine Rentnerin in ihrer Wohnung an der Bleichstraße zu verantworten hat. Die damals 70-Jährige erlitt nach einem Schlag auf den Kopf ein offenes Schädelhirntrauma und ist seitdem ein Pflegefall, gestohlen wurde nach neuesten Kenntnissen lediglich eine Geldbörse.

Der „falsche“ Angeklagte, ein 48 Jahre alter Dietzenbacher, sitzt seit nunmehr acht Wochen vor der elften Strafkammer des Landgerichts Darmstadt und bestreitet die Tat. Da das Opfer an die Tatzeit keinerlei Erinnerung hat, besteht die Hauptarbeit der Kammer seit sieben Verhandlungstagen darin, Indizien zu sammeln und als wichtig und weniger wichtig einzuschätzen. Eigentlich sollte gestern das Urteil gesprochen werden, doch nach der Anhörung von vier familiären Telefongesprächen brachte Verteidiger Andreas Bruszynski zwei neue Beweisanträge vor, denen Richter Volker Wagner nach langer Beratung stattgab. Ein eventuelles Ende des Prozesses verschiebt sich nun auf den 10. Februar.

Mitschnitte aus Telefonüberwachungen

Aus einem der gestern abgespielten Telefonate, die während einer Telefonüberwachung (TÜ) durch die Kriminalpolizei mitgeschnitten wurden, stammt der eingangs zitierte Satz. In dem einstündigen Dialog, der sechs Wochen nach der Tat entstand, unterhält sich die Schwiegermutter mit der Tochter des Außendienstlers. Neben Belanglosigkeiten kommt immer wieder die Sprache auf den unter Mordverdacht stehenden Vater. Oma und Enkelin diskutieren die Verdachtsmomente, die kriminaltechnische Untersuchung der Familienautos, den am Tatort gefundenen Schraubenzieher aus dem Besitz des Dietzenbachers. Und sie bringen einen neuen Aspekt zur Entlastung hervor: „Der Papa macht seit mindestens neun Jahren mit seinem Knie ’rum, der humpelte schon vor der Tat. Der kann bei der Frau gar nicht über den Balkon und das Hoftor geklettert sein!“ meint die heute 21-jährige Tochter. „Eigentlich wollte er sich noch vor Weihnachten operieren lassen, daraus wird jetzt nichts!“

Für die beiden Verteidiger ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt zur Entlastung ihres Mandanten. Bruszynski fordert ein fachärztliches Gutachten über das malade Kniegelenk, welches beweisen soll, dass der Beschuldigte mit diesem Handicap nicht klettern und springen kann. Was bei der Staatsanwaltschaft eine gewisse Verwunderung auslöst. Dirk Schillhahn: „Man wundert sich, dass Ihnen das erst nach mehr als zwei Jahren einfällt. Der Angeklagte ist auch als Handwerker tätig, montiert Markisen - und da soll er nicht in der Lage sein, über ein Tor zu klettern?“

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Auch den zweiten Beweisantrag zensiert der Staatsanwalt als völlig ungeeignet. Der zielt auf eine aktualisierte Untersuchung der drei blutigen Schuh-Teilabdrücke am Tatort mit der richtigen Bodenbeschaffenheit und der humpelnden Gangart. Bereits erfolgte Abdruck-Versuche beim Landeskriminalamt mit Schweineblut hatten ergeben, dass der Dietzenbacher wohl als Verursacher ausgeschlossen werden kann. Schillhahn ist jedoch überzeugt: „Die Gegebenheiten am Tatort sind nicht nachstellbar, die Abdrücke können auch von einer der fünf anderem Personen (Rettungsdienst, Nachbar, Anm. der Red.) am Tatort stammen.“ Verteidigung und Staatsanwaltschaft interpretieren dieses Gutachten in ihrem Sinn.

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