Theater für Europa

Schüler des Adolf-Reichwein-Gymnasiums in Heusenstamm zeigen sich weltoffen

Mit Vorurteilen abschließen: Die Gruppen stellen eine deutsche und eine kolumbianische Familie dar, deren Kinder einander gegen den Willen ihrer Eltern heiraten wollen. Bei der Lösungsfindung hilft das Publikum. 
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Mit Vorurteilen abschließen: Die Gruppen stellen eine deutsche und eine kolumbianische Familie dar, deren Kinder einander gegen den Willen ihrer Eltern heiraten wollen. Bei der Lösungsfindung hilft das Publikum. 

Ein Jugendlicher geht zu zwei muslimischen Frauen und feindet sie öffentlich dafür an, dass sie Kopftücher tragen. Ein zweiter schließt sich ihm an. Die umstehenden Passanten schauen weg. So kann das laufen, muss es aber nicht. 

Heusenstamm – Das zeigen die Schüler des Adolf-Reichwein-Gymnasiums (ARG) zusammen mit den anderen Teilnehmern des Erasmus-Plus-Projekts in ihrer internen Abschlussveranstaltung: An einer Bahnstation filmen die Schüler versteckt, wie zwei Jungen zwei Mädchen wegen ihrer Kopftücher mobben. Alle vier werden von Schülern gespielt. Die Passanten, die Zeuge dessen sind, wissen nicht, dass sie gleichzeitig Theaterbesucher sind und den Mittelpunkt des Geschehens darstellen. Von ihrer Reaktion ist das Stück abhängig. In diesem Fall zeigen die Umstehenden erfreulicherweise Zivilcourage: Alle sprechen die Jugendlichen auf ihr Fehlverhalten an, ob alt, jung, deutschstämmig oder nicht. Danach wird die Situation aufgelöst, Erleichterung macht sich breit.

Was die Schüler praktizieren, nennt sich „unsichtbares Theater“, wie Elena Filia-Diefenbach, die leitende Lehrerin, erläutert. Da das Projekt den Schwerpunkt Theater hat, orientiere man sich zu großen Teilen am Brasilianischen Regisseur und Theatertheoretiker Augusto Boal. Er etablierte diese Form des publikumsbezogenen Theaters.

Das von der EU geförderte Programm steht unter dem Motto „Konflikte bewältigen und kritisch denken“. Dabei werden vor allem kulturelle Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten behandelt.

In drei Stücken thematisieren knapp 50 Schüler Vorurteile und intolerantes Verhalten. Bei jeder Problemstellung erarbeiten sie zusammen mit dem Publikum eine Lösung. Dies geschieht sowohl bei der interaktiven Gestaltung eines Standbildes, als auch beim Austausch eines Schauspielers durch einen Zuschauer. Acht der Darsteller stammen aus Belgien, acht aus Ungarn, zehn aus Spanien und 27 aus Deutschland – dass damit auch kulturelle Unterschiede vorliegen, ist klar. Worin sich alle Teilnehmer jedoch gleichen, so Filia-Diefenbach, sei ihre Zugehörigkeit zu Europa. Darum bemühe sich auch das Projekt: näher zusammenrücken und den europäischen Zusammenhalt ins Bewusstsein der Menschen rufen.

Laurenzo, der bereits eine Woche in seiner Austauschfamilie in Belgien verbracht hat, nimmt nun seinen Tauschpartner bei sich auf. „Das Projekt regt zum Austausch an, und Theater zu spielen lässt einen miteinander ins Gespräch kommen“, findet er. Liv, die aus dem deutschsprachigen Teil Belgiens kommt, gefällt besonders, dass viel Englisch geredet wurde. „Gute practice“, „denglischt“ sie. Außerdem legen die Leiter des Projekts großen Wert darauf, ihren Gästen während zahlreicher Ausflüge in die Umgebung deutsche Kultur näher zu bringen. Irene und ihre Spanischen Freundinnen bemängeln, dass „leider“ zu oft Deutsch gesprochen wird. Den Kontakt, da sind sich jedoch alle sicher, werde man halten. Das nächste Zusammentreffen der Schüler findet in Spanien statt.

VON LUCY GÄBLER

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