Frau wurde lebensgefährlich verletzt

Trotz brisanter Fakten: Gericht lehnt neuen Prozess wegen versuchten Totschlags ab

Einbrecher verletzt Frau lebensgefährlich und wird wegen versuchtem Totschlag verurteilt. Das Landgericht Kassel hat eine Wiederaufnahme des Prozesses abgelehnt.
+
Ein Einbrecher verletzt eine Frau lebensgefährlich. Der Angeklagte wird wegen versuchten Totschlags verurteilt. Das Landgericht Kassel hat eine Wiederaufnahme des Prozesses abgelehnt.

Ein Einbrecher hat eine Frau 2012 schwer verletzt. Der Angeklagte beteuert seine Unschuld. Eine Wiederaufnahme des Prozesses lehnt das  zuständigeGericht trotz brisanter Fakten ab.

  • Eine 70-jährige Frau wurde 2012 von einem Einbrecher in ihrer Wohnung in Heusenstamm bei Offenbach lebensgefährlich verletzt
  • Der Angeklagte beteuerte seine Unschuld wurde jedoch wegen versuchtem Totschlag verurteilt
  • Das Landgericht Kassel lehnte eine Wiederaufnahme des Prozesses ab

Heusenstamm – 12. Oktober 2012, circa 13 Uhr, ein Mehrfamilienhaus in der Bleichstraße in Heusenstamm bei Offenbach. Die 70 Jahre alte Seniorin überrascht im Flur einen Einbrecher. Dieser wähnte sich mutmaßlich allein in der Wohnung, in seinem Dilemma schlägt er zu.

Fünfmal trifft ein stumpfer Gegenstand den Kopf der Frau. Der Täter lässt das Opfer in seinem Blut liegen und flüchtet über den Balkon mit dessen Geldbörse.

Kein neuer Prozess nach versuchtem Totschlag: Frau aus Heusenstamm bei Offenbach sitzt im Rollstuhl

Die Seniorin erleidet ein offenes Schädelhirntrauma, schwebt wochenlang in Lebensgefahr. Seither sitzt sie im Rollstuhl und lebt in einem Pflegeheim. Die so wichtige Erinnerung an die Tat bleibt aus. Nach wenigen Monaten hat sich die Kriminalpolizei auf einen damals 46-jährigen Werkzeug-Vertriebler festgelegt, einen bis dato unbescholtenen Familienvater aus Dietzenbach (wir berichteten).

Im März 2015 fällt die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Darmstadt nach zehn Sitzungstagen im Indizienprozess das Urteil: Sieben Jahre Haft wegen versuchtem Totschlag. Der Angeklagte beteuert vom ersten Tag an seine Unschuld, gibt die Hoffnung auf Revision (wurde ein Jahr später verworfen) und eine Wiederaufnahme des Verfahrens nicht auf.

Heusenstamm bei Offenbach: Gericht lehnt neuen Prozess ab

Jetzt kam für den Angeklagten die bittere Enttäuschung: Nach zweieinhalb Jahren Wartezeit liegt der Beschluss des Landgerichts Kassel vor – das ist das zuständige Gericht für Wiederaufnahmesachen aus Darmstadt: „Der Antrag des Verurteilten auf Wiederaufnahme wird auf Kosten des Verurteilten als unzulässig verworfen.“

Verteidiger Frank Peter legte sofort Beschwerde ein. Ein Bescheid über deren Ausgang ist zeitlich ungewiss. Dass die Beschwerde Erfolg hat, ist eher unwahrscheinlich. „Wenn man will, kann man eben alle Argumente einfach wegbügeln“, ist das Fazit des Anwalts. 

Kassel habe zwar juristisch-technisch richtig entschieden, „man hätte aber mit etwas gutem Willen auch zu einem ganz anderen Ergebnis kommen können“. 19 für den Verurteilten entlastende Fakten hatte Peter im Wiederaufnahmeantrag zusammengestellt. Alle wurden von der sechsten großen Strafkammer auf mehr als 20 Seiten als unzulässig verworfen: „Die vorgebrachten Tatsachen und Beweismittel sind gemäß Strafprozessordnung entweder nicht neu oder ungeeignet.“

Gericht eröffnet Prozess nicht neu: Angriff auf Frau aus Heusenstamm bei Offenbach war versuchter Totschlag

In Punkt eins geht es um die wirtschaftliche Situation des Verurteilten, die vom Gericht als Motiv für den Einbruch herhalten musste. In der Urteilsbegründung heißt es, dass der Angeklagte unter erheblichen finanziellen Schwierigkeiten gelebt haben soll, mehrere Kreditanfragen abgelehnt wurden und das Konto dauerhaft im Soll gewesen sei. 

Die aktenkundige Schufa-Auskunft zeigt jedoch, dass es keine Kreditablehnungen gab und bestehende Kreditraten immer bedient wurden. Zudem gab seine Ehefrau als Zeugin an, jederzeit Geld von ihrem Vater hätte leihen können. Dazu die Stellungnahme aus Kassel: „Die Schufa-Auskunft wurde in der Hauptverhandlung verlesen und floss in die Urteilsbegründung mit ein. Sie stellt kein neues Beweismittel dar.“

Besonders aber Punkt 17 liest sich hochbrisant. Es geht um den Verdacht vieler Beteiligter (außer der Strafkammer und Staatsanwaltschaft), ein ganz anderer könnte der Täter sein; der Sohn des Opfers. Eine gute Freundin der Seniorin sagte damals aus, dieser habe seine Mutter durchweg schlecht behandelt und immer nur Geld von ihr gewollt. 2011 habe sie ihm 50 000 Euro geliehen, danach mehrfach kleinere Beträge. Er sei auch der Grund für einen Suizidversuch der Heusenstammerin. 

Wiederaufnahmeantrag für den Prozess enthält hochbrisante Informationen

Der Sohn indes wurde nie nach einem Alibi für den Tattag gefragt. Aber er wusste – anders als der Verurteilte, der nur ein einziges Mal beim Opfer war, um den Balkonsichtschutz zu reparieren –, wo die Frau Geld und Schmuck aufbewahrte, kannte ihre Kontostände, würde sie im Todesfall beerben. Er kannte ihren Tagesablauf und wusste, dass die Terrassentür im Hochparterre immer aufstand. Dazu die Wiederaufnahmekammer: „Die Zeugin wurde in der Hauptverhandlung vernommen und stellt kein neues Beweismittel dar.“

Das einzige, was die Familie des Verurteilten jetzt noch beeinflussen kann, ist die Länge der Haftzeit. Mit einem Antrag auf Verkürzung wäre der Arrest nach vier Jahren und acht Monaten um, also Anfang 2021. Und die verbleibenden 28 Monate würden zur Bewährung ausgesetzt. Die Voraussetzungen dafür stehen gut, der Dietzenbacher punktet durch hervorragende Führung und Sozialprognose. 

Verurteilter aus Dietzenbach (Kreis Offenbach) hofft auf geringere Haftzeit

Mit einem Antrag auf Halbstrafe, die in Hessen bislang noch nie bewilligt wurde, hatte man sich schon im vergangenen Jahr an diesen Schritt herangetastet. „Die Stellungnahme der JVA dazu war sehr gut“, erläutert Anwalt Frank Peter. Ein von der Justiz automatisch bestellter psychiatrischer Sachverständiger muss zum Zweidrittel-Antrag ein Gutachten abgeben.

Die Entscheidung fällt dann die Vollstreckungskammer am Darmstädter Landgericht. Der einzige mangelnde Baustein ist das „fehlende“ Geständnis des Familienvaters. „Daran wird der Antrag aber bestimmt nicht scheitern“, ist sich der Anwalt sicher.

VON SILKE GELHAUSEN

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare