Flakstellungen zwischen Heusenstamm und Neu-Isenburg

Vortrag im Heimat- und Geschichtsverein: „Gefühlt wie richtige Soldaten“

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Mit Scheinwerferanlagen in Heusenstamm sollten die Flakhelfer in Neu-Isenburg die herannahenden Flieger entdecken können. Heimatforscher Wilhelm Ott zeigt die Standorte.

Es sind Bilder sowie Worte, die bewegen und reine Fakten menschlich machen. Der Heimat- und Geschichtsverein Heusenstamm (HGV) hat im Haus der Stadtgeschichte einen Vortrag zum Thema „Die Flakstellungen zwischen Neu-Isenburg und Heusenstamm“ veranstaltet. Erzählungen und Erinnerungen, die nachdenklich machen.

Heusenstamm –  Der Saal im Haus der Stadtgeschichte ist gut gefüllt, als Dr. Ronald Krebs, Vorsitzender des HGV, die Veranstaltung rund um Flugabwehrkanonenstellungen (FLAK) eröffnet. „Nächstes Jahr feiern wir 75 Jahre nach Kriegsende und wir befinden uns jetzt an einem Zeitpunkt, an dem rechtes Gedankengut wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist“, mahnt er. Umso wichtiger sei die Dokumentation der Vergangenheit, um gegen das Vergessen anzukämpfen.

Heimatforscher Wilhelm Ott aus Sprendlingen führt das Publikum in der nächsten Stunde durch die Geschichte der Flakstellungen in der näheren Umgebung und der Menschen dahinter. Zu einer Flak-Apparatur gehörte viel mehr als das reine Geschütz, es gab sowohl zusätzlich Scheinwerferstationen als auch Such- und Hörgeräte. Vor allem die Suchscheinwerfer wurden auch von jungen Frauen bedient. Heutzutage gehört die Flakstellung in Neu-Isenburg zu den am besten erhaltenen militärischen Relikten ihrer Art in Hessen.

Als das Bild 16-jähriger Jungen in großer Auflösung auf der Präsentationsfolie erscheint, die alle zu den Flakstellungen eingezogen worden waren, bildet sich automatisch ein Kloß im Hals. „Sie haben sich gefühlt wie richtige Soldaten“, erklärt Ott, „sie waren einsatzbereit.“ Er hat viele Bilder aus der damaligen Zeit mitgebracht, um das Gesagte greifbarer zu machen, aber es sind auch Aufnahmen aus der Gegenwart dabei. Ein Beispiel ist die heutige Erinnerungskultur um die verlorene Jugend der Flakhelfer. Es zeigt die Zeitzeugen, die sich treffen und gemeinsam die Stellungen besuchen.

Das Thema der verlorenen Jugend ist einer der zentralen Aspekte in den Erinnerungen des Vaters von Claudia Bechthold. Die OP-Redakteurin liest dem Publikum ein Essay ihrer Mutter vor, das von den Erlebnissen ihres Vaters an der Flak und in Kriegsgefangenschaft berichtet. Er war einer der 16-jährigen Jungen auf dem gerade gezeigten Foto. „Mein Vater ist Jahrgang 27“, beginnt sie, „er und zehn seiner Klassenkameraden wurden aus der Schule geholt und eingezogen. Einer der Jungen lief an jenem Tag aus der Schule und rief ‚frei, frei!‘, weil er nicht mehr zum Unterricht brauchte. Ein Lehrer fing ihn ab und gab ihm eine Ohrfeige.“ Es sind Worte, die bewegen, Situationen, in die man sich nicht selbst hineinversetzen kann, weil man sie nicht erlebt hat. „Der Krieg hat mich reifer gemacht, das Überleben des Kriegs war ein Wink des Schicksals“, schreibt ihr Vater in sein Tagebuch in Kriegsgefangenschaft im Mai 1945. „Zuhause ist Heimat und das ist das Paradies.“

Und am Ende steht eben noch nicht das Ende der Veranstaltung, denn dem HGV ist der Austausch über das Gesagte wichtig. „Gegen das Vergessen“, bekräftigt Wilhelm Ott.

VON ANNALENA BARNICKEL

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