Hilflosigkeit als Schuld empfunden

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Vor allem vom Schicksal der Heusenstammer Familien jüdischen Glaubens berichteten Sabine Richter-Rauch, Eva Zeidler und Gisela Beez (von links) anlässlich des Gedenktags an die Befreiung der Konzentrationslager Auschwitz.

Heusenstamm ‐ Warum haben nicht alle das Land verlassen? Dieser Frage gingen Sabine Richter-Rauch, Eva Zeidler, Gisela Beez nach. Anlässliche des Gedenktags an die Befreiung der Konzentrationslager Auschwitz hatten sie Dokumente über jüdische Deutsche aus Heusenstamm zusammengestellt und diese um literarische Zeugnisse der Nazi-Diktatur bereichert. Von Michael Prochnow

„Wir wissen zu wenig über die Emigration“, stellten die Frauen fest. Sie begegneten am Mittwoch im Haus der Stadtgeschichte leider nicht allzu vielen Zuhörern. Von 500.000 Juden in Deutschland konnte sich die Hälfte ins Ausland retten. Vor allem ältere hatten sich zuvor nicht als Juden begriffen und sind geblieben. Deutschland war ihre Heimat, jüdische Gemeinden existierten seit Jahrhunderten, die Toten liegen auf dem Friedhof, da verlässt man nicht einfach so das Land, „ein Spuk, der geht vorüber“, beschwichtigte man. Jüngere Leute haben die Aussichtslosigkeit schneller erkannt.

Die NS-Politik hat sich widersprüchlich dargestellt. In Dietzenbach hat der NS-Bürgermeister ein Terrorregime entfaltet, bereits 1938 lebten dort keine Juden mehr „Er hat sie regelmäßig einbestellt und zusammenschlagen lassen“, erzählten die Frauen. In Heusenstamm wurden Juden von jeher erfasst, vielleicht diskriminiert. Aber bis zur Reichspogromnacht sind die meisten da geblieben. An jenem 9. November 1938 wurden dann auch in der Schlossstadt jüdische Männer verhaftet. Als sich die Dinge dann schlagartig verschlechterten, war es für die meisten zu spät.

Von 1941 an war die Emigration verboten

Viele Familien müssen von Hilfe bekommen haben, schon weil sie keine Lebensmittel kaufen durften. Nachbarn stellten Schüsseln in ihre Gärten. „Es gab kaum eine Landgemeinde, wo sie noch so lange leben konnten“, betonte Autorin Richter-Rauch. Fast alle jüdischen Familien wohnten in der Altstadt, ein Haushalt befand sich in der Feldstraße.

Von Oktober 1941 an war die Emigration verboten, Deportation und Völkermord hatten begonnen. Die Aufnahmebereitschaft des Auslands war sehr zögerlich. Heusenstammer Juden wollten nicht ausreisen, weil sie die Sprache in den Aufnahme-Ländern nicht verstehen würden. Nach der Inhaftierung der Männer in Buchenwald spürten sie aber, welche Gewalt sie erwartete. Eva Zeidler zitierte Brecht, der von Vertriebenen sprach.

Der Metzger Hugo Rollmann aus der Schulstraße hatte Schlachthaus-, also Berufsverbot. Er zog mit Mutter, Ehefrau und Sohn nach Frankfurt. Das hatten mehrere Verwandte schon vorher getan. Die Spar- und Kreditbank überwies den Kaufpreis für das Haus des Fleischers auf ein Sperrkonto. 1939 erhielt er einen Reisepass, doch wegen fehlender Bürgschaften keine Schiffsplätze. Die Zeit reichte nicht mehr. Mit der ersten Deportation wurden Jenny, Hugo und Rosa Rollmann sowie der sechsjährige Helmut nach Lodz verschleppt. Die 15 und 16 Jahre alten Brüder Horst und Erwin Ehrmann hingegen hatten eine Schreinerlehre absolviert, mit Hilfe derer sie nach Palästina gelangten.

Viele Familien begriffen sich nicht als Juden

Moritz Frankfurter floh mit seiner Frau Ida und Tochter Ruth ebenfalls nach Frankfurt. Die 17-jährige Tochter Berta lernte als Haushaltshilfe bei einem Onkel in Lohr koscher zu kochen, damit sie in Amerika bessere Arbeitsmöglichkeiten erhielte. Berta, heute 88 Jahre alt, wurde zum Zug nach Hamburg gebracht. In Bremerhaven habe es umfassende Kontrollen, Demütigungen gegeben, hatte die Seniorin der Autorin am Telefon berichtet.

Vater Moritz verunglückte in Frankfurt schwer. Am 8. Mai 1942 wurde ihre Familie in die Region Lublin gebracht, sie gilt als verschollen. Berta Frankfurter empfindet das Gefühl, nicht helfen zu können, als Schuld. Sie lebt in New York. Auch die anderen erwähnten Bewohner und ihr Schicksal sind im Buch „Sie wohnten neben uns“ festgehalten, das in einer überarbeiteten Neuauflage erworben werden kann.

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