„Hochmut kommt vor dem Fall“

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Eva Zeidler (vorne) und Gunilda Wörner (im Hintergrund) während der Lesung.

Heusenstamm ‐ Texte über Eitelkeit, Hoffart und Selbstverliebtheit leiteten die neuen Folgen von Bibel und Literatur ein. Sie gehören zum einladenden Thema „Typisch Mensch!“, das die Veranstalter von Literatur & Kunst am Torbau, evangelischer und katholischer Erwachsenenbildung sowie Stadtbücherei für diesen Jahrgang gewählt haben. Von Eva Schumann

So ließen sich viele Interessierte durch Schneematsch und Eis nicht vom Besuch des Schlösschens abhalten. Zuerst allerdings musste Eva Zeidler die Bedeutung von „Hoffart“ erklären, denn viele Menschen kennen das altertümliche Wort für Hochmut nicht mehr. Sie zog „Meyers Konversationslexikon“ von 1890 zu Rate. Es definiert diese Schwäche als „Gemütsverfassung“, die den eigenen Wert höher anschlage als er ist. So entstehe auch die Eitelkeit aus vermeintlichem Besitz wirklicher Güter.

„Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz“

Die Rezitatorin, von Gunilda Wörner kräftig unterstützt, konnte mit einer Fülle von Beispielen für eitle und überhebliche Wesen aufwarten. Angefangen vom Kamel aus Lafontaines Fabel, das die Tanzkünste des Affen nachahmt, bis zu jenem Ritter aus Chaucers „Canterbury Tales“, der seine alte Lebensretterin verschmähen will, aber gründlich von seinem Hochmut geheilt wird. Narren nennt sie der Augustinerprediger Abraham a Sancta Clara allesamt, die Ehrsüchtigen und „einbildnerischen Gesellen“, denn „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz“. Das malt Andersen im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ schadenfroh aus. „Hochmut kommt vor dem Fall“, heißt es schon im Buch der Sprüche, und der Prediger Salomo warnt: „ Sei nicht allzu gerecht, dass du dich nicht selber verderbst“.

Als verderblich erweist sich die Selbstverwirklichung bei Wildes Romanhelden Dorian Gray. Mit einer Szene aus diesem Werk und einem Auszug aus der Ovids Narcissus-Metarmophose berührten die Rezitatorinnen den Aspekt des Narzissmus. Als selbstverliebten Spinner zogen sie noch den Eitlen heran, den Saint-Exupérys Kleiner Prinz bewundern soll. Zwischen Szenen aus Canettis „Komödie der Eitelkeiten“ und Luc Bondys Roman „Am Fenster“ ließen sie Schneewittchens eitle Stiefmutter mit ihrem Spieglein-Zauber zu Wort kommen.

Von selbstverliebten Spinnern und eitler Stiefmutter

Als Todsünde rangiert der Hochmut in katholischer Moraltheologie an erster Stelle. Darauf spielt Eva Menasses Erzählband „Lässliche Todsünden“ an.

Fremd ist vielen Menschen heute die Bedeutung von „eitel“ als „vergeblich, vergänglich“. „Es ist alles ganz eitel“, verkündet der Prediger Salomon; alles menschliche Tun sei ein Haschen nach dem Wind. Die zahlreichen Barockdichtungen in diesem Sinn ließen die Rezitatorinnen beiseite - sonst wäre die Lesung zu lang geworden. Nicht zu missen brauchte das Publikum jedoch Gunilda Wörners klug ausgewählte und klangschön vorgetragene Violoncello-Beiträge.

In der nächsten Folge „Verzeihung ist die beste Rache“ am 21. Februar kommt auch Positives zu seinem Recht.

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