Kinder aus vielen Nationen lernen Deutsch

Intensivklassen: Sie wollen etwas erreichen

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Die Worte fehlen manchmal. Aber das Verständnis für einander ist da.

Heusenstamm - Sie kommen aus Afghanistan, Syrien, Pakistan, Serbien, Bosnien, dem Iran. Was die Kinder in dieser Schulklasse vereint: Sie wollen die deutsche Sprache lernen. Und müssen. Von Jürgen Roß 

Seit mehr als einem Jahr gibt es an der Adolf-Reichwein-Schule zwei Intensivklassen, die für Kinder gedacht sind, die Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache erlernen. Simone Richter sitzt in ihrem Büro. Die zweite Konrektorin der Adolf-Reichwein-Schule, Heusenstamms Haupt- und Realschule mit Förderstufe, ist für die Koordination der Intensivklassen verantwortlich. Sie hält den Kontakt zu Schulamt, Kollegium, anderen Schulen. Sie ist eine Netzwerkerin, die alle Hände voll zu tun hat und das Unkalkulierbare kalkulieren muss. „Wir müssen sehr situativ reagieren und können nur bedingt planen“, erläutert Richter.

Die Flüchtlingkinder kommen während des laufenden Schuljahres an. Und manche verlassen die Klassen auch bald wieder, weil ihre Familien in andere Orte geschickt oder abgeschoben werden, sodass hohe Fluktuation herrscht. Dennoch hat die Konrektorin immer eines im Blick: „Es geht um Kinder. Den Begriff Krise für diese Menschen zu verwenden, ist ein falscher Ansatz.“

In der Cafeteria hockt Vio Friedmann mit seiner Gitarre und spielt. An dem Tisch sitzen Schüler aus verschiedenen Nationen. Für diesen Tag haben alle von zu Hause ein typisches Nationalgericht mitgebracht. Victoria und Lorenzo aus Italien haben Tiramisu und Panzerotti dabei. Auf einem anderen Teller liegen Sigara Böregi von Bircan. Und es gibt Pakora, kleine frittierte Stückchen mit Kartoffeln und Paprika. Eine pakistanische Spezialität.

Die kulinarische Weltkarte, die auf dem Tisch ausgebreitet ist, dient als Grundlage der Kommunikation. Vio Friedmann ist eigentlich Musiklehrer, aber mittlerweile einer der Bezugslehrer der Intensivklassen. Friedmann beherrscht sechs Sprachen und kann die eine oder andere Barriere überwinden. „Für die Kinder bin ich nicht nur Lehrer, sondern auch Bezugsperson in fast allen Lebensfragen“, ist Friedmann zufrieden. „Man bekommt unheimlich viel zurück“, berichtet er. Ein Satz, den man von allen Lehrkräften hört, die in den Intensivklassen tätig sind.

In einem Klassenraum am Ende des Schulgebäudes hat sich die zweite Intensivklasse versammelt. An der Rückwand des Klassenzimmers hängt eine Weltkarte, an den Kleiderhaken haben die Kinder selbst gemalte Flaggen ihrer Herkunftsnationen angebracht. Renate Gatzweiler ist die Klassenlehrerin.

Einen Lehrplan gibt es für ihren Unterricht nicht. Gatzweiler ist Lehrerin für alles, sie muss improvisieren. Kunst, Musik, Sport und natürlich Deutsch. „Ich bin der Schulleitung unheimlich dankbar, dass ich so viel Gestaltungsspielraum habe“, sagt sie.

Die Biografien der Elf- bis 14-Jährigen sind beeindruckend. Wie die des 12-jährigen Daniel aus Rumänien. Er hat zuvor in Italien und Spanien gelebt und lernt nun seit vier Monaten seine vierte Sprache: Deutsch. Aus den einst verfeindeten Nationen Bosnien und Kroatien sitzen Elma und Marian nebeneinander. Die beiden sind Freunde und helfen sich gegenseitig, wenn sie mit der deutschen Grammatik mal Schwierigkeiten haben. Es ist Friedensarbeit im Kleinen, die da ganz beiläufig passiert.

Sehnsucht nach der Heimat

Zwei ehemalige Schülerinnen der Intensivklasse kommen zu Besuch. Die beiden haben vor einem Jahr Deutsch gelernt und mittlerweile mit sehr gutem Erfolg die Realschulprüfung abgelegt. Schulleiter Matthias Lippert ist stolz. Die beiden sind ehrgeizig. Sie wollen Ärztinnen werden und dann in ihrem Land den Menschen helfen. Zurück nach Afghanistan und in den Iran. Sie vermissen ihre Heimat, ihre Freundinnen. Aber den Familien ist zuhause die Existenzgrundlage entzogen und für die junge Generation gibt es keine Perspektive.

Viel sprechen die Jugendlichen nicht über ihre Erlebnisse. Sie wollen nach vorne schauen, wollen eine Zukunft sehen. „Am Anfang ist es schlimm, wenn einem die Vokabeln fehlen und man sich nicht verständlich machen kann“, sagt die 14-jährige Fatima.

Die Hürden, die die Kinder zu nehmen haben, sind teilweise sehr hoch. „Es gibt kein Wörterbuch für Afghanisch-Deutsch“, berichtet Gatzweiler. Der 14-jährige Waleed behilft sich mit einem auf Afghanisch-Englisch und übersetzt dann die Wörter aus dem Englischen ins Deutsche. Zwischenstation seiner Flucht war Griechenland. Doch trotz allem herrscht in der Klasse große Harmonie. „Was jeden vereint, ist auf jeden Fall die Motivation, etwas in seinem Leben erreichen zu wollen“, weiß Renate Gatzweiler. Man spürt, dass diese Motivation auf die Lehrkräfte übergesprungen ist. Die Schule ist zur Lebensbegleitung geworden, nicht Lehranstalt mit starren Systemen.

Bilder: So helfen Sie Flüchtlingen in der Region

Schulleiter Lippert ist Realist. Er weiß um den hohen Wert dieser Intensivklassen. Er weiß aber auch, dass auf seine Schule noch viele Herausforderungen warten: „In dieser Arbeit stecken unglaublich viele Chancen und wir schaffen das auch“. Für das nächste Jahr wird es an der Schule wieder eine Feuerwehr AG geben. Ein weiterer Baustein für die Integration von Kindern. Und vielleicht kommt auch noch eine dritte Intensivklasse hinzu.

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