Verantwortung ohne Druck

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Julia Lewis beim Überprüfen der Leinen für die Feuerwehr.

Heusenstamm - Schon seit 50 Jahren gibt es für junge Leute die Möglichkeit, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu leisten. Doch erst seit Abschaffung der Wehrpflicht gewinnt diese Chance zunehmend an Bedeutung. Von Claudia Bechthold 

Julia Lewis aus Dietzenbach hat sich entschieden, ein FSJ bei der Freiwilligen Feuerwehr Heusenstamm zu machen. Wenn es um die Feuerwehr geht, dann würde Julia Lewis am liebsten alles andere vergessen. Sie erfüllt fast alle Klischees, die es zu diesem Thema gibt. Schon als Kind hat sie immer angekündigt, dass sie zur Feuerwehr will. Sie hat es wahr gemacht: Am ersten Tag, an dem es möglich war, am Tag ihres zehnten Geburtstags, hat sie sich bei der Jugendfeuerwehr in Dietzenbach angemeldet. Und sie ist auch jetzt, mit 19 Jahren, noch immer mit großer Begeisterung dabei.

Inzwischen hat sie längst ihren Grundlehrgang mit Erfolg abgeschlossen, ist seit 2012 Mitglied der Einsatzabteilung bei der Freiwilligen Feuerwehr Dietzenbach. Und in den zwei Jahren, die seitdem vergangen sind, hat sie eine beachtliche Zahl weiterer Lehrgänge bestanden. Sie ist Atemschutzgeräte-Trägerin und Maschinistin, kann funken, hat gelernt, wie man nach einem Verkehrsunfall technische Hilfe leistet - also zum Beispiel eingeklemmte Personen aus einem Auto befreit - und weiß, wie man mit einer Motorkettensäge einen Baum fällen kann.

„Schuld“ daran ist vor allem ihr Vater, der schon lange freiwilliger Feuerwehrmann ist. Das hat sie von klein auf fasziniert, sagt sie. Allerdings war auch immer Angst um den Vater damit verbunden. Feuerwehr war natürlich auch immer der Berufswunsch für Julia Lewis. Als es jetzt mit der Schule nicht so geklappt hat, wie sie sich das vorgestellt hatte, war sie sofort begeistert, als Heusenstamms Stadtbrandinspektor Gregor Fanroth ihr während der Sommerferien den konkreten Vorschlag eines FSJ in der Schlossstadt gemacht hat. Eine andere Kandidatin war abgesprungen, die Stelle kurzfristig frei.

Seit September hat sie einen Schreibtisch im Heusenstammer Feuerwehrhaus. „Ich hätte mir vorher nicht vorstellen können, dass mir der ganze Papierkram Spaß machen könnte“, sagt Julia Lewis lachend. Diese Arbeiten gefallen ihr aber inzwischen so gut, dass sie sogar überlegt, nach dem FSJ eine Ausbildung in der Verwaltung zu machen. Die Feuerwehr bleibe aber ihr Hobby. Und der Wunsch, zu einer Berufs- oder Werksfeuerwehr zu gehen, steht weiter an erster Stelle ihrer Liste. An der zweiten steht der Beruf der Rettungsassistentin.

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Verwaltungsarbeiten sind nicht die einzigen Aufgaben, die ihr übertragen werden. Dazu zählen auch Arbeiten wie Autos putzen, Botengänge oder das Sortieren sowie Ersetzen von Einsatzmaterial und Beschriften von Behältern in den Fahrzeugen. Und sie überarbeitet die Einsatzpläne für größere Objekte in der Schlossstadt. Schon jetzt ist sich Julia Lewis sicher, dass so ein Freiwilliges Soziales Jahr eine gute Sache ist. „Man lernt andere Sichtweisen kennen“, berichtet sie. „Es ist noch keine Ausbildung, es gibt also nicht so viel Druck, aber man lernt das Arbeitsleben kennen. Das ist einfach anders als Schule. Man hat auch Verantwortung, muss Aufgaben erledigen, wird aber an der Hand geführt.“ Sie könne, fügt sie hinzu, jedem, der noch nicht wisse, welchen Beruf er wählen möchte, empfehlen, ein FSJ einzulegen.

Feuerwehr, da ist sich die 19-Jährige sicher, bleibt für sie das wichtigste Hobby wie auch immer ihre Zukunft aussehen mag. Weil sie gerne anderen Menschen hilft. Aber auch wegen der Kameradschaft, weil man sich auch in schwierigen Situationen auf die anderen verlassen kann. Und weil sie beweisen möchte, dass auch Frauen „ihren Mann“ stehen können als Brandschützerin. Das Gerede, das sei kein Hobby oder gar Beruf für eine Frau, kann sie nämlich nicht mehr hören.

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