Kartoffellauf und rosa Dosen

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Ob Eier oder Kartoffeln - das Balancieren auf dem Löffel ist nicht einfach.

Heusenstamm - Vergangenen Epochen haftet meist etwas Romantisches an, auch dem Mittelalter. Das lässt sich mit Märkten, Bänkelgesang und Walther von der Vogelweide verbinden. Der dichtete, als Heusenstamm zum ersten Mal Erwähnung fand. Von Stefan Mangold

Dennoch wünschen sich nur wenige, in einer Zeit zu leben, in der die einzige Hoffnung bei Zahnweh der Gang zum Hufschmied war.

Am Dienstag organisierte die Stadtbücherei in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt am Bannturm ein „Spectaculum“, „Mittelalterliche Spiele und Theater für Kinder“. Zum 800. Geburtstag Heusenstamms „bot sich das Thema von selbst an“, sagt Katja Richter, Leiterin der Bücherei. Jedes Jahr steht das Fest unter einem anderen Motto.

Der „Geschicklichkeitsparcours“ erinnert stark an die Neuzeit. Disziplinen wie Stelzenlauf und Dosenwerfen gab es auf Jahrmärkten wohl schon immer. Vielleicht auch den Kartoffellauf, eine Variation des Eierlaufs. Je zwei Kinder treten gegeneinander an. Ein Rennen geht über zwei Runden. Die erste vorwärts, die zweite rückwärts. Gleich, wer als Sieger das Feld verlässt, einen Stempel auf die gelbe Karte mit den fünf Stationen kriegt jeder.

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Mittelalterliches Kinderfest 

Die Karten verteilt anfangs Jessica Meyer. Wer alle Aufgaben absolviert hat, darf sich drei kleine Tütchen mit Gummibärchen abholen. Irgendwann gehen die Karten aus. „Wir hatten 250 gedruckt“ wundert sich Meyer über den Andrang, „und die reichen nicht“. Kein Problem. Jemand eilt zu einem Kopierer und schafft Abhilfe.

Die Dosen sind aus Stoff. Farblich unterscheiden sie sich. Das kann zu ästhetischen Verwicklungen führen. „Ich habe rosa Dosen“, sagt eine Betreuerin, „weiß aber nicht, ob ihr Jungs darauf werfen wollt“. Die sind emanzipiert genug, um sich an solchen Nuancen nicht zu stören. Christian Zilch, Auszubildender bei der Stadt, muss manchmal größere Buben zurückpfeifen, die aus der selben Entfernung wie etwa der zweijährige Nils schmeißen wollen, der mit der Oma gekommen ist und schwungvoll trifft.

Mit der Geste der geballten Faust, als hätte er gerade den entscheidenden Elfmeter versenkt, verlässt der neunjährige Yannick den Stand, an dem es gilt, Früchte in Kartons zu ertasten, „ich habe keinen einzigen Fehler gemacht“. Der „Hula Hoop“-Reifen dürfte so manche Großmutter, die mit dem Enkelkind den Nachmittag verbringt, an die eigene Kindheit und Jugend erinnern. Weniger im Mittelalter, dafür aber in den fünfziger Jahren ging es darum, den Reifen so lange wie möglich um die Hüfte kreisen zu lassen. Manches Mädchen schafft das erstaunlich lange.

Wem Stelzen zu hoch sind, darf auf Dosen laufen. Die halten die Kinder an Kordeln fest. Mit hoher Konzentration drehen die dreijährige Sarah und die ein Jahr ältere Maya ihre Runde.

Die Frauen vom Rugby Klub bewirten die Leute mit Getränken und Kuchen. Bei Veranstaltungen wie am Dienstag frage die Stadt bei den Vereinen nach, wer das machen wolle. „Wir ducken uns dann nicht“, sagt Andrea Keller , die bis vor kurzem selbst spielte und die Jugendarbeit des Clubs leitet.

Wahrlich mittelalterlich geht es beim anschließenden Theaterstück des Duo Wildwuchs zu. Diese mimen zwei Spielleute, die für den nahenden Winter eine Bleibe suchen und bei der Residenz des „Königs von Heusenstamm“ anklopfen. Diesem musizieren sie vor.

Den Klang der Schalmei findet der König nicht übel. Für Kost und Logis müssten die beiden aber noch mehr bieten, meint der Regent. Mit Drehleier und tiefer gestimmter Schalmei gelingt es schließlich. Zwar dürfen sie nur in einer kalten Kammer auf Stroh schlafen, ansonsten spielen sie im warmen Königssaal auf.

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