„Kein Beruf für jedermann“

Heusenstammer Pietät Sattler wird 50 und ist in der dritten Generation im Familienbesitz

Sarg oder Urne: Sascha Kirchner (rechts) führt die Pietät Sattler in dritter Generation. Unterstützt wird er von seinem Mitarbeiter Saki Lufkelis.
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Sarg oder Urne: Sascha Kirchner (rechts) führt die Pietät Sattler in dritter Generation. Unterstützt wird er von seinem Mitarbeiter Saki Lufkelis.

Vor ziemlich genau einem halben Jahrhundert, am 1. März 1971, eröffnete Franz Sattler seine eigene Pietät in Heusenstamm. Es war damals die erste im Familienbesitz in der Schlossstadt, Bestattungen wurden zu dieser Zeit noch von der Kommune übernommen, wie Franz Sattlers Enkel, Sascha Kirchner, der nun die Pietät in der dritten Generation führt, berichtet.

Heusenstamm – „Jahre später übernahm mein Vater das Geschäft“, erzählt der 40 Jahre alte Bestatter Kirchner. Diese führte er zusammen mit seiner Ehefrau Gabi. Franz Sattler starb wenig später im Jahr 1984. Wiederum runde 20 Jahre später übernahm dann der jetzige Inhaber die Pietät. Dabei war zunächst gar nicht klar, dass er in die Fußstapfen seiner Eltern und Großeltern treten wird. „Ich habe zunächst mein Informatik-Studium abgeschlossen, meine Eltern haben mich immer in meinem eigenen Weg unterstützt“, sagt Sascha Kirchner. Doch nach dem Ende des Studiums entschied sich der Sohnemann dann doch die Pietät in die dritte Generation zu führen. Ganz zur Freude seines Vaters. „Ich habe in den Semesterferien immer hier gearbeitet, und es macht mir einfach mehr Freude mit Menschen zu arbeiten, statt nur an einem Schreibtisch zu sitzen.“ Doch das Wissen aus dem Studium war nicht umsonst. Mit der Übernahme machte Sascha Kirchner die Pietät nahezu papierlos, auch wenn das nicht immer – beispielsweise bei Behördenschreiben – klappt.

„Es muss immer jemand erreichbar sein“

Im Erinnerung blieb ihm auch gleich einer seiner ersten Bestattungsfälle, als ein Mann drei Wochen im Sommer tot in seiner Dachgeschosswohnung lag. „Bestatter ist kein Beruf für jedermann“, sagt Kirchner. Gerade bei Unfällen oder dem zuvor erwähnten Fall sei eine gewisse Standfestigkeit gefragt. „Das entscheidet sich bei Berufsanfängern meist in den ersten Wochen und Monate, ob sie hierfür gemacht sind.“ Auch die Arbeitszeiten sind herausfordernd: „Es muss immer jemand erreichbar sein, auch nachts, denn der Tod kommt nicht nur zu den Öffnungszeiten.“ Das letzte Mal Urlaub habe Sascha Kirchner vor über vier Jahren machen können.

Und während in vielen Branchen während der Corona-Pandemie die Betriebe fast stillstehen, hat Kirchner noch mehr zu tun als sonst. „Seit Corona haben wir gemerkt, dass es etwas mehr zu tun gibt als die Jahre vorher“, berichtet der 40-Jährige. Zusammen mit seinem Mitarbeiter Saki Lufkelis berät Kirchner Kunden, holt Tote und wickelt Behördengänge ab, auch in diesen schwierigen Zeiten. Bei Corona-Toten ist besondere Vorsicht geboten: „Der Verstorbene wird in einem Tuch mit Desinfektionsmittel gewickelt, danach folgt eine Leichenhülle und dann kommt noch ein Tuch drum, anschließend wird der Sarg abgedichtet“, so Kirchner, „das hat natürlich vor allem Einfluss für die Angehörigen, die keinen Abschied mehr am offenen Sarg nehmen können“.

Nicht nur die Pandemie hat Veränderung gebracht

Als besonders tragisch erlebte Kirchner den Fall eines Menschen, der zunächst als Covid-Toter galt. Erst drei Tage nach der Bestattung stellte sich durch einen Test heraus, dass er gar kein Corona hatte. „Das ist natürlich furchtbar für die Angehörigen, als Bestatter ist deshalb viel Einfühlungsvermögen gefragt.“

Nicht nur die Pandemie hat Veränderung gebracht, auch die Kundenwünsche haben einen Wandel seit Gründung der Pietät Sattler durchlebt. „Früher gab es mehr Erdbestattungen, heute wollen die Leute fast nur noch Urnen, deren Anteil liegt bei uns bei 78 Prozent“, berichtet Kirchner. Die Tendenz zu Urnengräbern und Friedwäldern werde sich wohl nach seiner Ansicht auch zukünftig weiter verstärken. (Lukas Reus)

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