Keine Angst mehr vor Bomben

Offene Türen in Flüchtlingsunterkunft auf Keppler-Gelände

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Mahal und Sophia im Gespräch mit einem der Besucher.

Heusenstamm - Es war ein besonderer Tag der offenen Tür, zu dem Kreis Offenbach und die Arbeiterwohlfahrt (Awo) eingeladen hatte: Die Räumlichkeiten der neuen Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge an der Industriestraße standen interessierten Bürgern offen. Von Jürgen Roß 

Rund um das Firmengelände des Keppler-Verlages ist an diesem Nachmittag nur schwer ein Parkplatz zu finden. Das Interesse in der Bevölkerung an der Gemeinschaftsunterkunft ist groß. Schon am Eingang werden die Besucher von Mitarbeitern der Awo begrüßt, die Informationsblätter verteilen. Aufklärung statt Panikmache ist das Anliegen der Verantwortlichen. Fatma Nur Kizilok ist eine der Verantwortlichen, die hauptamtlich für die AWO Flüchtlinge in Heusenstamm betreut. Sie beantwortet die Fragen der Besucher, die sich durchweg positiv äußern.

Auch die ersten Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft haben ihr neues zu Hause erreicht und stehen Besuchern Rede und Antwort. Sophia und Mahal Sanjeeda sind zusammen mit Mahals 14-jährigem Bruder aus Afghanistan geflohen. Das junge Paar steht in dem lichtdurchfluteten Raum mit den drei Betten, einem kleinen Kleiderschrank und einem einfachen Regal. Es ist ihr neues Zuhause. Nach Jahren Krieg und Monaten einer menschenunwürdigen Flucht ist es für sie das erste Mal, dass sie wieder so etwas wie eine Privatsphäre haben. Und vor allem: Sie müssen keine Angst vor Bomben oder Überfällen haben. Die Bilder des Krieges verfolgen die beiden. Sophia und Mahal öffnen an diesem Nachmittag nicht nur die Tür zu ihrem Zimmer - sie öffnen auch die Tür zu ihrem Inneren.

Der 14-jährige Mohammed hat mittlerweile einen Platz in einer Intensivklasse gefunden und lernt nun Deutsch. Gerne würde er sich in einem Fitness-Studio anmelden, doch dieser Wunsch lässt sich nicht finanzieren. Auch die Internetverbindung ist noch ein Thema, das die Flüchtlinge beschäftigt. Jürgen Schwald von der Awo erläutert, dies bringe verschiedene Probleme mit sich. Vor allem die sogenannte „Sörerhaftung“ hält Betreiber davon ab, ein öffentliches WLAN einzurichten. „Natürlich können die Bewohner einen regulären Internetanschluss buchen, aber die Kosten müssten sie auch selbst übernehmen.“ Für Mahal und Sophia ist das derzeit aus finanziellen Gründen keine Option, obwohl die Verbindung zu Bekannten und Freunden für sie wichtig ist.

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Für insgesamt 42 Personen ist das einstige Bürogebäude nun eingerichtet. Christian Hirsch ist der Betreiber des Hauses und er hatte in den vergangenen Monaten alle Hände voll zu tun, um die Büros in bewohnbare Zimmer umzugestalten. Neben einer Gemeinschaftsküche, einer Waschküche mit Waschmaschine und Trockner sowie den Sanitärräumen war ein zweiter baulicher Rettungsweg - sprich eine Fluchttreppe notwendig geworden. „Ich kann die Bauaufsicht des Kreises Offenbach nur loben, dass sie die Arbeiten so unkompliziert unterstützt hat“, berichtet Hirsch. „Für mich als Betreiber ist die entscheidende Frage, ob ich mich in diesen Räumen selber wohl fühlen würde“, meint er und schnell wird deutlich, dass da einer die Verantwortung hat, bei dem vor der Rentabilität einer Investition die Humanität steht.

Mahal steht an der Seite seiner Frau und im Minutentakt kommen neue Menschen auf ihn zu. Für den 25-jährigen Afghanen ist es befreiend, reden zu können, und er freut sich über die vielen Glück- und Segenswünsche der Heusenstammer, die an diesem Nachmittag vorbeischauen. Dennoch fällt es ihm zugleich schwer zu reden. Immer wieder merkt man ihm an, dass er Tränen unterdrücken muss. Bei manchen Fragen bleibt die Antwort aus. „Was ist mit deinen Eltern?“ will ein Besucher wissen und Mahals Blicke offenbaren für einen Moment die Abgründe des Krieges. Er zeigt auf seinem Smartphone einige Bilder seiner Heimat. Bilder, die man lieber nie gesehen hätte. Mahal, seine Frau und sein Bruder haben einen anstrengenden Besuchertag hinter sich und noch einen langen Weg vor sich. Die drei sehnen sich nach Ruhe und Frieden. „Alles, was wir jetzt brauchen“, sagt der 25-jährige, „ist Liebe“.

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