„Keiner fällt hier in ein Loch“

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Doris Huber, Bianca und Sabine Faller präsentieren mit Schulleiter Matthias Lippert die Urkunde des Kultusministeriums.

Heusenstamm - Berufsorientierung für Schüler ist wichtig, heutzutage kann damit gar nicht früh genug begonnen werden. Das hat man auch an der Adolf-Reichwein-Schule erkannt, bereits ab der 7. Klasse werden die Schüler der Haupt- und Realschule auf das Berufsleben vorbereitet. Von Alexander Kroh

Für die „vorbildliche Berufsorientierungsarbeit“ wurde die Schule jetzt vom hessischen Kultusministerium mit dem „Gütesiegel Berufsorientierung Hessen“ ausgezeichnet. Damit ist die Adolf-Reichwein-Schule eine von fünf Schulen im Kreis Offenbach, die sich das Gütesiegel verdient haben. Für Rektor Matthias Lippert ist die Auszeichnung zum einen ein „Zeugnis guter Arbeit“ und zum anderen auch ein Argument gegenüber Eltern, die eine geeignete Schule für ihre Kinder suchen.

Federführend für die Berufsorientierung an der Heusenstammer Schule ist das Geschwisterpaar Sabine und Bianca Faller. Erstere ist neben ihrer Lehrtätigkeit an der Adolf-Reichwein-Schule Koordinatorin der hessenweiten OLoV-Strategie (Optimierung der lokalen Vermittlungsarbeit). Bianca Faller ist die Berufswegebegleiterin an der Schule.

Bei der OLoV-Strategie sollen Schüler systematisch auf die Berufswahl vorbereitet werden. Um das Gütesiegel zu erhalten, muss eine Schule bestimmte Standards erfüllen, die sich in die vier thematischen Bereiche: Konzeption, Vermittlung von Schlüsselqualifikationen, Kooperation und Lernortwechsel sowie Praktika aufsplitten.

Verhindern, dass Schulabgänger in ein Loch fallen

An der Adolf-Reichwein-Schule wird viel dafür getan, dass die Schulabgänger schon vor ihrem Abschluss so etwas wie einen Lebensplan entwickeln. „Wir wollen Perspektiven schaffen und verhindern, dass die Schulabgänger in ein Loch fallen“, erklärt Schulleiter Lippert.

Das Berufsorientierungsprogramm ist für die Schüler freiwillig, aber es gibt auch im Rahmen des alltäglichen Unterrichts immer wieder Aktionen, bei denen die Schüler zum Beispiel ein Bewerbungstraining absolvieren.

Das Konzept der Schule soll möglichst alle Fächer umfassen, denn in jedem Fach gebe es Aspekte, die mit Berufsorientierung zusammenhängen, meint Lippert. So lernen Schüler etwa im Fach Deutsch, wie man einen Lebenslauf anlegt, in Englisch werden Bewerbungsschreiben verfasst und in Chemie Arbeitsschutzmaßnahmen vermittelt.

Jeweils ein dreiwöchiges Betriebspraktikum absolvieren die Schüler in der 8. und in der 9. Klasse. Zur Ermöglichung kooperiert die Schule mit Betrieben aus Heusenstamm und stößt dabei auf große Unterstützung und Bereitschaft zur Vermittlung seitens der Betriebe.

Mit Praktika alleine ist es allerdings nicht getan, zusätzlich gibt es an der Schule pädagogische Tage, Betriebserkundungen, ein Berufsinformationszentrum und in diesem Jahr auch erstmals eine Berufsbildungsinformationsveranstaltung für Eltern und Schüler. Zusätzlich legt die Schule großen Wert auf die Entwicklung von von Sozialkompetenz und Schlüsselqualifikationen für das Berufsleben. Hierbei geht es um Fragen wie: Wie verhalte ich mich gegenüber meinem Arbeitgeber im Betrieb oder wie führe ich ein Telefonat.

Fast 400 Ausbildungsberufe

Wichtig sei vor allem, dass die Schüler zu Beginn der Orientierungsphase erst einmal mögliche Berufe kennen lernen, denn das Spektrum der bekannten Berufe sei eher klein, meint Koordinatorin Sabine Faller. Immerhin gibt es fast 400 Ausbildungsberufe, die erst einmal kennen gelernt werden müssen, bevor eine Entscheidung fallen kann.

Bei einer Entscheidung helfen soll auch der so genannte „Berufswahlpass“. Das ist ein Ordner, in dem die Schüler selbstständig ihre Berufsorientierungsphasen dokumentieren. Hier haben sie auch Gelegenheit, sich zunächst selbst einzuschätzen und mit Fremdeinschätzungen durch Lehrer, Mitschüler, Eltern oder der Betriebe, bei denen sie Praktika geleistet haben, zu vergleichen. Aber auch Tipps zum Bereich Lebensplanung hält der Berufswahlpass bereit, zum Beispiel was für Steuern man später zahlt und was für Versicherungen sinnvoll sind, kurz eine Anleitung für ein erfolgreiches Berufsleben.

Die stellvertretende Schulleiterin Doris Huber betont indes noch einmal die Wichtigkeit von Praktika während der Schulzeit, vor allem bei Hauptschülern: „Die meisten Schüler bekommen ihre Ausbildungsplätze durch Praktika“. Auch zusätzliche freiwillige Praktika ermöglicht die Adolf-Reichwein-Schule, dazu werden die Schüler sogar vom Unterricht befreit, soweit das möglich ist.

Wichtiger Baustein im Leben der Schüler

Dass die Arbeit Früchte trägt, beweist nicht nur das Gütesiegel. Von den 108 Schülern, die im vergangenen Schuljahr ihren Abschluss gemacht haben, haben 44 direkt eine Ausbildung begonnen. 52 Absolventen werden künftig ihren Werdegang an weiterführenden Schulen verfolgen, der Rest absolviert ein freiwilliges soziales Jahr oder dergleichen. „Es gibt keinen Schüler, der uns ohne Perspektive verlässt“, verspricht Lippert.

Mit dem Berufsbildungskonzept übernimmt die Schule heute einen wichtigen Baustein im Leben der Schüler, die früher noch zu einem großen Teil von den Elternhäusern übernommen wurde. Dennoch haben die Eltern nach wie vor den größten Einfluss auf die Berufswahl ihrer Kinder. Umso wichtiger sei es daher, dass die Eltern mitziehen und die Angebote auch wahrnehmen, findet Bianca Faller. Denn die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt sind auch für Haupt- und Realschüler alles andere als hoffnungslos.

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