„Sie werden oft wie kleine Erwachsene behandelt“

Kinder werden überfordert

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Das Wohngebiet rund um die Otto-Hahn-Schule (Bildmitte) wächst. Doch zunehmende Schülerzahlen sind nicht das einzige Problem, das Grundschulen haben.

Heusenstamm - Die Stelle eines Schulsozialarbeiters für Heusenstamms Grundschulen soll von der Stadt finanziell gefördert werden, falls Mittel des Landes oder des Kreises nicht ausreichen oder gar nicht zur Verfügung stehen. Von Claudia Bechthold 

Das haben die Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung mit großer Mehrheit beschlossen. Warum aber muss bereits an der Grundschule eine solche Stelle eingerichtet werden? Wir haben nachgefragt. Christiane Knickel, Rektorin der Adalbert-Stifter-Schule, und Christine Lang, Leiterin der Otto-Hahn-Schule, sind sich einig. Das Lehren von Lesen, Schreiben und Rechnen ist längst nicht mehr die einzige Aufgabe der Grundschulen. So steht schon seit einigen Jahren neben dem Bildungsauftrag auch der Erziehungsauftrag im hessischen Schulgesetz. „Dem wollen wir unbedingt nachkommen“, betont Knickel, „denn Bildung funktioniert nicht ohne ein gutes inneres Fundament“. Die Kinder seien Teil der Schulgemeinschaft, erläutern die Pädagoginnen, aber Gemeinschaftsstruktur sei nicht einfach so da. Die müsse geschaffen werden, zumal Eltern der Schule nicht mehr so zur Verfügung stehen.

„Die Werte-Erziehung ist deutlich in den Hintergrund getreten“, erläutert Lang. Ein stabiles, strukturiertes häusliches Umfeld fehle vielen Kindern. So äußerten Schüler oft, dass sie gern nachmittags mit den Eltern oder Großeltern zusammensitzen, doch die Eltern seien nicht da. Die Nachholarbeiten, die geleistet werden müssten, gingen zu Lasten des eigentlichen Bildungsauftrags. Werte wie Respekt und Höflichkeit, einfach der gute Umgang miteinander, würden nicht mehr vermittelt. Für Eltern stünden gute Noten ihres Nachwuchses an erster Stelle. Vermutlich spiele Angst vor Arbeitslosigkeit dabei ein Rolle. Außerdem verstehen Eltern Veränderungen in der Schule nicht. So werde etwa die Einschulung in eine Vorklasse als „verschwendetes Jahr“ angesehen, statt es als Unterstützung und Chance für das Kind zu begreifen.

Kinder erlebten zudem häusliche Strukturen, die von Gewalt – physischer und psychischer – geprägt seien. „Das kopieren sie dann oft auf dem Schulhof“, berichtet die Otto-Hahn-Rektorin weiter. Deshalb benötigten Eltern zunehmend Begleitung zur Erziehung, die aber nicht von der Lehrerseite kommen dürfe. Sowohl Eltern, als auch Kindern müsse eine Vertrauensperson zur Seite stehen.

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Besonders hoch sei das Aggressionspotenzial bei den Kindern nach einem verregneten Wochenende, sagt Christiane Knickel. Manche Kindern hätten gar kaum andere Formen der Kommunikation untereinander kennen gelernt als jene der Gewalt. Und Schulen oder Lehrer würden dann auch noch sehr schnell als die daran Schuldigen ausgemacht. „Gespräche mit uns suchen manche Eltern schon gar nicht mehr, weil sie es als Kritik an der eigenen Situation empfinden“, erläutert Knickel weiter. „Die Kinder werden von den Eltern regelrecht überfordert, weil sie selbst überfordert sind.“ So würden Kinder wie kleine Erwachsene behandelt, oft in Entscheidungen eingebunden, für die sie noch viel zu jung sind.

Dazu komme, dass Kinder heutzutage mit viel Medienwissen in die Schule kämen. „Das sind aber nicht immer Dinge, die Kinderseelen schon aushalten können“, sagt Lang. Und die Kinder verlernten den Weg der direkten Kommunikation, weil sich auch ihre Eltern mit ihnen häufig via Smartphone verständigten. Die Grundschulleiterinnen wünschen sich für Kinder und Eltern eine Begleitperson schon vom Übergang aus der Kita in die Schule an und bis zum Wechsel an die weiterführende Schule, einen Schulsozialarbeiter eben, der für alle Beteiligten da ist.

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