Kunstwerk unter Tarnanstrich

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Die Kreuzigung Christi zeigt der Mittelteil des Rembrücker Altars.

Heusenstamm - Das war schon eine kleine Sisyphusarbeit, die seine Mitarbeiter da geleistet hätten, sagt Steinbildhauermeister Alex Kaufmann. Mit Skalpell und Gebläse hätten der gebürtige Vietnamese Ting und Dirk Wolff die Schlämme und Patina vom Rembrücker Altar entfernt. Von Claudia Bechthold

Rund drei Monate haben sie an den Einzelteilen gearbeitet. Und dabei ein echtes Kunstwerk freigelegt. „Als wir den Altar Ende November nach Heusenstamm geholt haben, dachten wir, das sei eine Alterspatina, die sich da auf dem Stein gebildet hat, sagt Professor Elmar Götz. Er war derjenige, der den verschollenen Altar dank eines glücklichen Zufalls wiedergefunden hat. Und seither begleitete er dieses Kleinod stets und ständig.

Auch Steinbildhauer Kaufmann hatte die Schicht auf dem Stein, die alles zugedeckt hat, was nun bald für alle Heusenstammer wieder zu sehen sein wird, nicht für die Originalansicht gehalten. „Ich vermute, das war eine Art Tarnanstrich, den man aufgetragen hat, um den eigentlichen Wert des Werks zu verschleiern“, sagt er.

Und so kommt es fast einer kleinen Sensation gleich, was da unter dem dicken Anstrich nun zum Vorschein kam. Der Altar ist ein echtes Kunstwerk aus dem 16. Jahrhundert, der Zeit der Renaissance. Details weisen darauf hin, dass die Arbeit eher am Ende des 16. Jahrhunderts geschaffen wurde, ein kleiner Engelskopf etwa, der schon barocke Züge trägt. „1590 plus minus 10“, schätzt Götz.

Legenden um das Werk klären

Wer den Altar geschaffen hat, weiß bislang niemand. Wie man überhaupt sehr wenig über das Kunstwerk weiß. „Wir haben Urkunden, die belegen, dass dieser Altar in Rembrücken in der Kirche Mariä Opferung gestanden hat“, versichert Elmar Götz. Aber die genaue Zeitspanne kennt man nur aus der mündlichen Überlieferung. Von 1756 bis 1925 sei der Altar in Rembrücken gewesen, heißt es. Elmar Götz will versuchen all die Legenden um das Werk noch zu klären.

Denn auch die Frage, für welche Kirche er geschaffen wurde, und wer ihn gestiftet hat, ist unbeantwortet. Es gibt die Vermutung, dass Martin von Heusenstamm und seine Frau Elisabeth Brendel von Homburg den Altar für Patershausen quasi als Vermächtnis gestiftet haben, denn entstanden ist das Kunstwerk erst nach deren Tod. Der Grabstein von Elisabeth Brendel von Homburg ist in Patershausen. Doch auch dieses ist bislang nicht belegt worden.

Auf dem Mittelteil des Altars, dem Retabel, sind auch zwei Reiter zu sehen. Es ist zu vermuten, dass das Paar zu Pferde die Stifter darstellt. Stimmte die Legende um die Stiftung, bedeutet dies, dass es Elisabeth und Martin von Heusenstamm sind, die dort dargestellt sind. Im 800. Jahr des Bestehens von Heusenstamm wäre dies, sollte es sich nachweisen lassen, das berühmte Tüpfelchen auf dem „i“. Und für Professor Götz wäre es ein Geschenk.

Bombenangriffe beschädigten das Kunstwerk

Richard Wimmer, der 1980 verstorbene Chronist Rembrückens, hatte dem 1968 in den Ort gezogenen Elmar Götz immer wieder von dem Altar erzählt. Man wusste, dass es ihn gab, aber niemand hatte auch nur eine kleine Ahnung, wo sich das Kunstwerk befinden könnte. Erst vor drei Jahren, im Sommer 2008, waren Restauratoren des Mainzer Dommuseums in Rembrücken, um einige Holzfiguren in der Kirche Mariä Opferung zu restaurieren. Da kam man natürlich ins Gespräch, erinnert sich Götz. Und irgendwann fragte der Restaurator aus Mainz den Professor: „Sagt Ihnen der Begriff Rembrücker Altar etwas?“ Götz war wie elektrisiert. „Ich habe sofort gewusst, das kann nur jener gesuchte Altar sein.“

Schnell verabredete man sich und Götz fuhr nach Mainz, um in den Höhen des Ostturms des Mainzer Doms die meisten Teile des Werks zu bestaunen. In einem Depot des Dommuseums in Gaubickelheim war der Mittelteil verwahrt. Dass das Kunstwerk nicht als Ganzes erhalten ist, hat mit den Bombenangriffen auf Mainz im Zweiten Weltkrieg zu tun. Bei einem dieser Angriffe wurde er beschädigt. Seitdem gibt es 23 Einzelteile, ganz vollständig ist er nicht mehr. Entscheidend aber war, dass Freiwillige nach diesen Angriffen die Teile gesammelt und aus Mainz weggebracht haben, um sie vor der endgültigen Zerstörung zu retten. Seitdem schlummerte das Werk in den Depots des Dommuseums, das es gut aufbewahrt hat.

Das Thema des Kunstwerks ist übrigens die Passion. Im Mittelpunkt steht der Moment des Sterbens von Jesus am Kreuz. Trauernde stehen auf der einen Seite, Magdalena am Fuß des Kreuzes, spielende römische Soldaten auf der anderen. Weitere gut erhaltene Teile des Altars zeigen die Dornenkrönung, die Geißelung, die Verurteilung des Pilatus sowie den Ölberg und die Kreuztragung. An einem Stahlgestell soll der Altar - mit Lücken - wieder zusammengesetzt werden und ins Haus der Stadtgeschichte ziehen.

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