Langes Warten auf das Erbe

Nachlass in Heusenstamm nach zweieinhalb Jahren wegen Personalengpass nicht freigegeben

Ein Zwei-Familien-Haus im neuen Alten Ort südlich der Frankfurter Straße (
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Ein Zwei-Familien-Haus im neuen Alten Ort südlich der Frankfurter Straße (

Beim Nachlassgericht des Amtsgerichts in Offenbach muss man sich offensichtlich auf Wartezeiten einstellen. Schon mehrfach hat unsere Zeitung darüber berichtet. Der Heusenstammer Fall aber, mit dem sich einer der Betroffenen jetzt an die Redaktion gewandt hat, hat Aussicht auf einen Rekord: Seit zweieinhalb Jahren warten die Angehörigen mittlerweile auf ihren Erbschein.

Heusenstamm – Im Juni 2018 war die Heusenstammerin im Alter von 85 Jahren verstorben. Mit einem handschriftlichen Testament hatte sie ihren Neffen und Nichten ihren Besitz vermacht. Dabei geht es neben weiteren Vermächtnissen vor allem um zwei Häuser, eines davon steht im neuen Alten Ort, das andere in jenem Teil der Schlossstadt, der nach dem Zweiten Weltkrieg gewachsen ist. Nur wenige Wochen nach deren Tod reicht einer der Neffen, der später zum Testamentsvollstrecker bestimmt wird, Anfang August die schriftlichen Verfügungen seiner Tante beim Nachlassgericht in Offenbach ein. Ende August wird das Testament eröffnet.

„Die Benachrichtigung der Beteiligten wurde am 11. September 2018 verfügt und am 26. September 2018 ausgeführt“, berichtet Andreas Gimmler, Pressesprecher des Amtsgerichts Offenbach, auf Anfrage. Dann aber kommt es zu einer ersten Verzögerung, weil der Antrag des Testamentsvollstreckerszeugnisses nicht „formgerecht“ ist. Die notwendigen Formalitäten werden erledigt, Ende Juni 2019 das Zeugnis ausgestellt. Drei Monate später, am 23. September 2019, wird der Erbschein beantragt.

„Ich bin froh, dass es Nachbarn gibt, die sich um das Haus kümmern“, betont der Neffe, der selbst schon viele Jahre im Süden Deutschlands lebt. Denn so lange es keinen Erbschein gibt, darf er nicht viel unternehmen. Kosten, die entstehen, muss er zudem aus der eigenen Kasse bezahlen. Eines der beiden Häuser mit zwei Wohnungen steht mittlerweile leer, die Mieter sind ausgezogen. Und da das Haus verkauft werden soll, sei es nicht sinnvoll, die Wohnungen neu zu vermieten, sagt der Neffe. Leerstand aber ist gerade im Winter nicht von Vorteil.

Seit dem September 2019 hört jener Neffe dann nicht mehr viel vom Amtsgericht. Nach einer Erinnerung an den Antrag zwei Monate später gibt es zwar eine sogenannte Zwischenverfügung, danach ist es wieder ruhig.

Anfang März 2020 fährt der frühere Heusenstammer zum Nachlassgericht, geht mit dem Fachdienstleiter alle Einzelheiten des Erbes durch. Dieser veranlasst danach die zur Erteilung eines Erbscheins notwendige Anhörung der Beteiligten. Nach einer vorgeschriebenen Frist von drei Wochen könnte das ersehnte Dokument dann ausgestellt werden, denkt der Neffe. Passiert aber ist nichts.

Ein vom Neffen beauftragter Rechtsanwalt erinnert das Gericht im Juni erneut an die Erledigung der Angelegenheit. Inzwischen aber ist eine andere Rechtspflegerin für den Fall zuständig. Und diese hat „eine andere Rechtsauffassung“, erteilt eine weitere Zwischenverfügung, mit der erneut „Erledigungen“ nötig werden. Erst danach könne der Vorgang weiter bearbeitet werden, heißt es.

Drei Rechtspfleger mit dem Fall befasst

Die Verfügung wird erfüllt, aber erneut wechselt die Zuständigkeit. Wieder übernimmt eine andere Rechtspflegerin die Angelegenheit – sie ist inzwischen die dritte.

Anfang Dezember wendet sich der Neffe – mittlerweile ratlos – an Amtsgerichtspräsident Stefan Mohr, zumal Anfragen seiner Rechtsanwältin nicht einmal beantwortet wurden. Doch auch darauf erhält er zunächst keine Reaktion. Das ändert sich jedoch, nachdem unsere Zeitung beim Gericht nach dem Fall gefragt hat.

Es gab personelle Engpässe beim Nachlassgericht, sagt Sprecher Andreas Gimmler, die jetzt eigentlich beseitigt seien. Er verstehe den Ärger der Betroffenen, möchte auch nichts beschönigen.

Mehrere erfahrene Rechtspfleger seien ausgeschieden oder wegen Erkrankungen längerfristig ausgefallen: „Das soll keine Entschuldigung sein, sondern ein Erklärungsversuch.“

Derzeit seien genug Mitarbeiter im Nachlassgericht tätig, versichert Gimmler weiter. Allerdings müssten diese nun die Rückstände aufarbeiten, was auch mit Hochdruck geschehe. Aber auch dazu benötige man Zeit.

Zu den unterschiedlichen Auffassungen der zuständigen Rechtspflegerinnen betont Andreas Gimmler, dass jene – wie auch Richter – in ihren Entscheidungen sachlich unabhängig seien. Auch ein Vorgesetzter könne nicht vorschreiben, wie sie zu entscheiden hätten.

Der Neffe indes ist froh, dass nun offensichtlich endlich Bewegung in die Angelegenheit gekommen ist. Die Anhörung der Erben wurde in dieser Woche erneut verfügt, nach einer Frist von drei Wochen könnte das Erbe dann endlich freigegeben werden. (Claudia Bechthold)

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