Lasst mich nicht übrig, verbrennt mich

Heusenstamm - Lesung zum Gedenktag der Auschwitz-Befreiung

(schu) Zwei Seelen in deutscher Brust: hie Kölner Dom, Kant und Goethe, hie Marschmusik, Kristallnacht und Buchenwald. Das war eines der Motive bei der Lesung zum Gedenken an die Befreiung von Auschwitz. Sechs Damen und Herren der Initiative Stolpersteine und ihres Freundeskreises hatten Texte zur Lage in Deutschland zwischen 1930 und 1945 zusammengetragen und lasen sie in der evangelischen Kirche.

Tucholskys Worte „Um mich herum verspüre ich ein leises Wandern. Sie rüsten zur Reise ins Dritte Reich“, leiteten den Abend ein. Auch Ringelnatz und Werner Finck hatten 1931/32 ein „prophetisches Gefühl“. Das sich aufs Schlimmste bewahrheitete: Bücherverbrennung, Ausschaltung der Rechte jüdischer Bürger. „In Nürnberg machten sie ein Gesetz“ beginnt Brechts Ballade von der „Judenhure“ Marie Sanders. „Die Gasse johlte“ - das war nicht nur Poesie, sondern Realität, wie ein Zeitungsartikel über einen „artvergessenen Volksgenossen und seine jüdische Freundin“ belegte. Die übrigen „Volksgenossen“ hielten besser den Mund. Das teils gesungene, teils gesprochene Abzähllied von den zehn kleinen Meckerlein, die in Dachau wieder zusammen sind, erntete spontanen Beifall. Mit kabarettistischer Schläue setzte sich Finck über das Mundverbot hinweg. Den zweideutigen Dialog zwischen Schneider und Kunden spielten Ingrid Enns-Heinemann und Sabine Richter-Rauch. Realität war auch die Bücherverbrennung. Der verjagte Dichter in der Brechtschen Satire, der fleht: „Lasst mich nicht übrig - verbrennt mich!“ war Oskar Maria Graf.

Doch gab es nicht auch Gutes? Die „Winterhilfe“ schlägt bei Brecht in Schrecken um. Die vom „Führer“ beschenkte alte Frau (Eva Zeidler) hat sich verplappert, und die junge Frau mit dem unvorsichtigen Haushaltsbuch (Eva Schumann) wird von SA-Männern abgeführt (Christian Engel, Ditrun Zeller). Und danach? „Schon gehen die meisten wieder durch die Maschen“, schreibt Erich Weinert. Heino Gaze formuliert das im „Song vom kleinen PG“, der nur außen braun und „mehr ein PG-chen“ war.

Zitiert wurden auch Walter Mehring, Robert Gilbert, Hans Sahl, Max Colpet und Eckart Hachfeld. Zwischen den Gedichten vermittelte Florian Hain mit Improvisationen auf der Gitarre. Die Poesie, vorgetragen von Engel und den Sprecherinnen Enns-Heinemann, Richter-Rauch, Zeidler und Zeller, hinterließ Eindruck. Am bewegendsten aber war der Bericht Sabine Richter-Rauchs vom Telefonat mit der nach USA geflohenen Jüdin Berta Stern-Frankfurter. Sie möchte das Buch der Stolpersteine-Initiative über die vertriebenen jüdischen Bürger nicht lesen, sagt die frühere Heusenstammerin; es wäre zu schmerzhaft. Beklommene Stille danach.

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