Verzicht auf Kunststoff

„Leben ohne Frischhaltefolie ist möglich“

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Gläser, Wachstücher und Co.: Neben Einwegprodukten aus Plastik hatte Corinna Mack auch umweltfreundliche Alternativen im Gepäck.

Weniger Plastik im Haushalt ist angesagt, „wir haben keinen Planet B“, formulierte Corinna Mack. Die junge Mutter und Ehefrau aus Rodgau-Hainhausen lebt plastikfrei, schilderte sie.

Heusenstamm –  Wie das möglich ist, zumal mit Familie, erläuterte sie vor fast 60 Besuchern in der Alten Schule in Rembrücken, darunter auch einige Kinder. Seit drei Jahren gelinge den Macks bereits der Verzicht auf Kunststoff. Ein Auslöser war „A Plastic Ocean“: Der Film von Sir David Attenborough sei einer der wichtigsten unserer Zeit, er zeigt Wale inmitten von Abfällen, Strände übersät von Müll. 276 Plastikteile wurden im Magen eines 90 Tage alten Kükens gefunden. „Wir brauchen eine Welle der Veränderung“, appellierte Mack. „Ein Wechsel ist möglich, er beginnt mit uns, wir als Verbraucher haben die Macht, etwas in Bewegung zu setzen.“

Plastik wird aus Erdöl produziert, und das ist eine schwindende Ressource. Acht Prozent der jährlichen Fördermenge werden für die Produktion von Verpackungen benötigt, bald werden es 20 Prozent sein, berichtete sie. Alljährlich werden 335 Millionen Tonnen Plastik neu produziert, fast die Hälfte der Erzeugnisse werde nur einmal benutzt, ein Drittel lande in der Natur.

Die Referentin hatte sich informiert: 36 700 Müllautos entsorgen täglich jeweils zehn Tonnen Einweg-Material, die Recyclingquote liege in Deutschland bei 17 Prozent, weltweit bei sieben. Bei der Wiederverwertung benötige man immer einen Anteil neuen Kunststoffs, „das ist teurer und aufwendiger als eine thermische Verwertung“. Und Müllverbrennungsanlagen nähmen den Plastikmüll gerne zum Anfeuern. Der CO2-Ausstoß dabei heize den Treibhauseffekt und somit die Erderwärmung an.

Tiere verfangen sich etwa in Planen und Netzen

Es lasse sich halt nicht alles recyceln. „Verschiffen für eine schöne Quote“ sei auch keine Lösung, gab die Referentin zu bedenken. Meist sei unklar, was am Ziel damit gemacht werde. Zwischen acht und zwölf Millionen Tonnen Plastik landen jährlich Meer – ein Lastwagen pro Minute. 2050 werden dreimal mehr Plastikteile in den Ozeanen schwimmen als Fische, davon viel Ladung, die über Bord geht sowie durch illegale Verklappung, Wind, Flüsse und Tiere ins Wasser gelangt. Auch Mikroplastik aus Kosmetik oder Kunststofffasern, die beim Waschen ausgespült werden und zu klein sind für die Filter der Kläranlagen. Weltweit seien fünf große Müllstrudel bekannt, Einwegflaschen, Kaffeebecher und Strohhalme machen den größten Anteil aus.

Tiere verfangen sich etwa in Planen und Netzen und ersticken. Jährlich sterben rund eine Million Vögel und über 100.000 Meeressäuger sowie unzählige Fische an Plastik im Magen, informierte Mack. „Ein voller Magen sendet keine Hungersignale aus, sie fressen nichts mehr und verhungern.“ 95 Prozent aller Seevögel hätten Plastikteile im Magen, die sie nicht verdauen können. Und Buntes scheine die Tiere zu interessieren.

So leben wir nachhaltiger

Viele Partikel sammelten zudem wie ein Schwamm Umweltgifte und Öle, fast alle Sorten von Weichmachern, und setzen hormonaktive Chemikalien frei. Die irritieren die Schilddrüse, verursachen Krebs, Unfruchtbarkeit, Wachstumsstörungen und Allergien. Das Mikroplastik gelange über Speisefische und Muscheln in die Nahrungskette der Menschen.

Die Parole laute, den Konsum einzudämmen und zu vermeiden, da seien Verbraucher und Industrie gefragt. Also: Keine Plastiktüten kaufen oder annehmen, eigene Stofftaschen mitbringen, keine Einwegflaschen oder Tetrapacks – die Wiederverwertung von Verbundstoff sei sehr aufwendig. Strohhalme etwa gibt’s aus Glas, Bambus oder man könne Makkaroni benutzen. Bei Obst und Gemüse bevorzuge sie lose Früchte, Wurst und Käse unverpackt an der Theke, Joghurt im Glas, Getränke in Mehrwegflaschen, Brot und Gebäck aus der Papiertüte. „Ein Leben ohne Frischhaltefolie ist möglich“, sagte sie. Oft sei ein Spagat zwischen bio und plastikfrei nötig, „jeder muss seinen Weg finden“.

Die Macks kaufen auch in Unverpackt-Geschäften ein, benutzen Bienenwachstücher, wickeln Salat, Blumenkohl und Karotten in feuchtes Küchentuch. Sie selbst benutze waschbare Binden – „man muss sich nur trauen“ – feste Seife und mixt Mundspülung aus Wodka, Korn, zehn Nelken, Zimtstange und Wasser. Das wirke entzündungshemmend und antibakteriell. „Aber bitte nicht schlucken“, sagte sie. VON MICHAEL PROCHNOW 

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