Texte rund um das Thema Erster Weltkrieg

Lyrische Patronenhülsen

+
Die Gruppe rezitierte eine gelungene Mischung aus Gedenken, Gedanken und Gedichten.

Heusenstamm - Ein Krieg, der von Euphorie zu Gräberbergen schwankt. Auch die Dichter singen 1914 das anfängliche Jubellied auf Freiheit und Vaterland. Dann Gewehrsalven, 17 Millionen Tote und die Aufgabe, Unaussprechliches in Worte zu fassen. Von Eva-Maria Lill 

Im Haus der Stadtgeschichte rezitiert der Heimatlose Gedichtsverein Texte rund um das Thema 100 Jahre Ausbruch des Ersten Weltkriegs. OP-Redakteurin Claudia Bechthold, Markus Rueckert, Dr. Roland Krebs, Rudolf Fauerbach und Dieter Eckart stellten dabei eine gelungene Mischung zusammen: Tagebücher, Todeslieder, Traumaberichte, Plakate, Postkarten und Propaganda. Begleitet wird die Gruppe des Heimat- und Geschichtsvereins dabei von Wolfgang Löll am Klavier. Im Hintergrund sind Bilder der Heusenstammer Kriegsteilnehmer zu sehen.

Die etwa einstündige Lesung begeistert die rund 30 Zuschauer trotz des schwierigen Themas. Grund dafür sind nicht zuletzt die einfühlsame Vortragsweise und das gekonnte Zusammenspiel von Text und Klang. Lölls selbst komponierte, melancholische Klaviermusik lässt ausgebrannte Häuserschluchten hören und aufkeimende Friedenssehnsucht spüren. Die gedankliche Klammer des Abends ist Matthias Claudius’ Kriegslied: „‘s ist leider Krieg –/und ich begehre/Nicht schuld daran zu sein!“. Am Anfang schwungvoll und enthusiastisch, am Ende zerbrochen und leer. Die Gruppe zitiert Propagandatexte, Politiker und Denker, die dem Krieg ihren Segen und meist sogar ihre volle Zustimmung schenken: Winston Churchill, Ina Seidel, Georg Heym.

Mit fortschreitender Veranstaltungsdauer passt sich die Textauswahl der historischen Kriegsverzweiflung an. Wenn Else Lasker-Schüler die „stillste Stadt“ beschwört und Ludwig Ganghofer letzteTotenworte an namenlosen Gräbern sucht, streut der Heimatlose Gedichtsverein mit wohlgesetzten Pausen Unbehagen zwischen die Zeilen. Höhepunkt ist auch das Lautgedicht Schtzngrmm von Ernst Jandl, das Roland Krebs mit präziser Donnerstimme vorträgt und dem Zuschauer Silben wie lyrische Patronenhülsen um die Ohren sausen lässt. Zusätzlich zu Gedichten von Heinrich Lersch, Joachim Ringelnatz und Georg Trakl gibt es auch Persönliches: Claudia Bechthold liest Tagebucheinträge ihres Großvaters aus der Schlacht von Verdun. Auch der 74 Gefallenen aus Heusenstamm und Rembrücken wird mit der Verlesung der Namen und einer Schweigeminute gedacht.

Nach diesem gelungenen, aber nachdenklichen Abend plant der Heimatlose Gedichtsverein eine beschwingte Lesung zum Thema „Weihnachten ver-dichtet“ am Dienstag, 25. November.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare