Heu machen auf der Nachtweide

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Die Mahd, also das Heu, muss zusammengerecht und weggebracht werden. Den Jungs von der Waldjugend macht das Spaß.

Heusenstamm ‐  Nur ganz vereinzelt ist an diesem Vormittag ein Läufer unterwegs. Drei ältere Damen haben ihre Räder abgestellt und legen auf der Ruhebank an der Brücke vor Patershausen eine Rast ein. Von Michael Prochnow

Das tun die Leute in den grünen Hemden oder T-Shirts im Schatten vorm Tor des Hofguts auch. Dietmar Tinat, Leiter der Heusenstammer Waldjugend, hat gerade Frühstück geholt. Die Schüler freuen sich auf frische Brötchen und verlassen Gras und Rechen auf der Nachtweide schräge gegenüber.

Ausgerechnet am bislang heißesten Tag des Jahres sind die Naturschützer losgezogen, um auf der Fläche am südwestlichen Zipfel der schlossstädtischen Gemarkung das Heu einzuholen. Gemäht hatte man schon vor einer Woche. Der Pflege dieses geschützten Gebietes hat sich die Nachwuchsorganisation verschrieben, um den Charakter der Wiese zu schützen und die Artenvielfalt auf dem Areal zu bewahren. Würde sie sich selbst überlassen und zuwuchern, erläutert Gruppenleiter Ralf Jander, würde das Gelände verwildern und vielen bodennahen Pflanzen und Tieren das Licht für den Fortbestand fehlen.

Also rücken junge Waldfreunde und einige ältere Aktive von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) schon um 8 Uhr in der Frühe mit Rechen dem getrockneten Gras zu Leibe. Um diese Uhrzeit hat die Sonne noch nicht ihre ganze Kraft entfaltet. Dennoch steht den Helfern in ihren Uniformen bald der Schweiß auf Stirn.

Wildschweine sorgen für Unebenheiten

Immerhin, auf dem größten Teil der Fläche ist das Gras geschnitten und zu lang gestreckten Hügeln zusammengerafft. „Es handelt sich um einen Magerrasen mit Obstbäumen“, konkretisiert Tinat. Da sind freilich herunter gefallene Äpfel ein Problem, weil sie Nährstoffe bringen und Tiere anlocken, die andere Lebewesen aus dem Biotop vertreiben. Aber es gibt noch mehr Fauna, die da nicht hingehört: Irgendwann hat wohl jemand Rotwangen-Schildkröten in der Gegend ausgesetzt, die dort offenbar prächtig gedeihen. „Sie rauben Gelege von Gänse und Enten“, erläutert Tinat. Mit Lebendfallen konnten einige der Tiere gefangen und in ein Exotarium nach Darmstadt gebracht worden. Dennoch genießen noch viele der Reptilien in der Nachtweide einen „üppig gedeckten Tisch“. Das gilt wohl auch für Marder, die auf dem Hof leben und die Neuansiedlung des Steinkauz’ erschweren. Auch der Marder ist ein Nesträuber, lehrt der Chef der Aktion.

Früher seien die Bauern mit Mähmaschinen mit rotierenden Messern über die Wiese gefahren. Das trauten sie sich heute nicht mehr, da Wildschweine dort regelmäßig graben und so für die Maschinen gefährliche Unebenheiten geschaffen haben. Zudem wucherten auf dem sauren Boden zu viele Disteln und Brennnessel. Damit tauge die Mahd nicht als Viehfutter. Also sei, so Tinat, eben aufwändige Handarbeit gefragt.

Vor 15 Jahren hatte der mittlerweile verstorbene Waldemar Schläfer begonnen, das Naturschutzgebiet wieder aufzubauen. Die Waldjugend hat sich als Forstpate verpflichtet, sein Werk fortzusetzen. Enttäuscht ist Dietmar Tinat über die geringe Reaktion auf wiederholte Aufrufe, dass noch Helfer gesucht würden: Nur einige wenige Eltern waren da, um die jungen Leute zu unterstützen.

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