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Nager als fleißige Naturschützer

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Biber haben einen neuen Weiher entstehen lassen und ein unbekannter Künstler hat den Wald mit zahlreichen Holzskulpturen geschmückt.
Biber haben einen neuen Weiher entstehen lassen und ein unbekannter Künstler hat den Wald mit zahlreichen Holzskulpturen geschmückt. © Reinhold Gries

Die Herbstferien beginnen. Da ist es besonders schön, wenn man unverdorbene Natur vor der Haustür hat. Der aus Dietzenbach stammende Architekt im Ruhestand, Karl-Heinz Lehr, der schon lange in Heusenstamm wohnt, weiß das zu schätzen wie kaum ein anderer.

Heusenstamm – Denn der Unruheständler und Naturschützer radelt oder läuft mit seinem Hund täglich durch die landschaftsgeschützte Bieberaue zwischen den Sandmagerrasen am Außenring, der ausgegrabenen Renigishäuser Mühle und dem Hofgut Patershausen. Beim Gang die Bieber entlang überrascht der 83-Jährige, der einmal Hessenmeister im Zehnkampf war, mit Sätzen wie: „Die Bieber ist noch kein richtiger Naturbach, in Dietzenbach und Steinberg läuft noch zu viel Überlaufwasser samt Abwässern ein. Zum Baden oder Trinken, wie im Sommer hier zu beobachten, ist das Bieberwasser gar nicht geeignet. Die Bieberaue ist kein amtlich festgesetztes Naturschutzgebiet, wie das im Internet behauptet wird.“

Lehr ist mit Leib und Seele Naturfreund, schon seit seiner Zeit als Architekt bei einer Offenbacher Firma, als er neue Steinbauweisen einführte, die bis heute als umweltfreundlich gelten. Beim Naturschutzbund (Nabu) ist er eher passives Mitglied – auch weil er Jagd- und Angelschein hat, was für einige Naturschützer ein Widerspruch ist. Sehr gern greift er zum Fernglas, um die Tierwelt zu beobachten, oder zum Fotoapparat, um herrliche Vögel abzulichten, wie den seltenen Kreuzschnabel. Lehr dazu: „Den Kreuzschnabel habe ich woanders fotografiert, er braucht es trocken. Hier habe ich oft den Eisvogel vor der Linse. Oder auch die Biber und Nutria.“

Damit ist das Hauptthema des Herbstganges angeschlagen. Man staunt an der Bieberbrücke neben der früheren Mühle Renigishausen, was passiert ist: „In diesem Jahr haben die vor Jahren vom nahen Schneiderwiesenteich wohl an die Bieber hochgewanderten Biber diesen großen Damm gebaut, durch den nur relativ langsam Bachwasser durchfließt“, berichtet Lehr. Die Untere Naturschutzbehörde überlege, ob Rohre unter dem Damm hilfreich sein könnten, damit das Wasser abfließt.

„Festzustellen ist aber, dass die Biberfamilien durchs Aufstauen nun den alten Mühlweiher revitalisiert haben, Woog genannt. Jetzt können sich hier Wasservögel und andere Tiere ansiedeln. Dazu haben solche Wasserflächen eine Nebenwirkung: Sie schaffen mit Sickerwasser neues Grundwasser, an dem es sonst fehlt im Trinkwassereinzugsgebiet.“

Auch auf der Heusenstamm zugewandten Seite ist vieles nicht mehr wie vorher. Die Bieber bildet Nebenarme, schafft Wasser-, Sumpf- und Schlammplätze. Da werden auch mal lieb gewordene Trampelpfade unpassierbar, und Hundefreunde müssen sich neue Wege suchen. Das Wild wisse die vielen neuen Feucht- und Kräuterwiesen sowie Wasserstellen zu schätzen, erzählt der Naturkenner. Die Biber leisteten hier „erfolgreiche Umweltarbeit“, während die von Menschenhänden aufgeschichteten Steinhaufen noch nicht genug von Eidechsen und Amphibien angenommen werden.

Aber das Naturgeschehen muss beobachtet werden, wie Lehr es tut. Er hat auch keine Hemmungen, Umweltsünden an die Behörden zu melden, zum Beispiel den teilweisen Abbau oder Einriss von Biberdämmen am Schneiderwiesenweiher: „Wir können dort noch zwei Biberburgen sehen, die freilich in diesem Jahr kaum bewohnt wurden.“

Auch beim Gang über die schönen Waldrandpfade an der Bieber gibt es viel zu entdecken, nicht nur, weil dort jetzt Pilze sprießen wie lange nicht. Man sieht an malerischen Stellen, dass „Totholz“ alles andere als tot ist und nicht nur Baumpilzen nahrhaften Lebensraum bietet. Die Wald- und Wiesen-Idylle bis hin zu krächzenden Raubvögeln und dem plätscherndem Bieberbach ist fast perfekt, die Ruhe erholsam. „Gleichgewicht der Natur“ ist hier kein Schlagwort, sondern Realität.

Für Schmunzeln sorgen dazwischen kunstvoll geschnitzte, putzige Holzfiguren, die ein unbekannter Waldkünstler weiträumig auf Baumstümpfe montiert hat. Vom Waldtelefon über den Waldkauz bis hin zu Wichtel- und Zauberfiguren ist alles vorhanden. Letztlich kann man „Naturschutzengel“ Lehr nicht widersprechen, wenn er zum neuen (alten) Bild der Bieberaue sagt: „Ist es nicht wunderbar hier?“ (Reinhold Gries)

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