„Nerviger“ Abwehrspieler

Philippe Berthold spielt trotz Sehschwäche Fußball

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Philippe Berthold spielt trotz Sehschwäche Fußball.

Heusenstamm - In der Freizeit selbst Fußball zu spielen, ist für viele Menschen ein wichtiges Vergnügen. Dem 23 Jahre alten Philippe Berthold, einem gebürtigen Inder, der als Baby von deutschen Eltern adoptiert wurde, bedeutet dies weit mehr. Denn er ist fast blind.

„Ich bin ein nerviger Abwehrspieler. Immer eng am Stürmer dran, und manchmal tritt man sich dabei auf die Füße. Da sind die Gegenspieler schon mal genervt.“ Das sagt Philippe Berthold über sich selbst. Der Verteidiger der zweiten Fußballmannschaft der TSV Heusenstamm muss immer eng am Gegenspieler sein. Denn seine Augen haben eine Sehstärke von nur zwei Prozent.

„Zapfen-Stäbchen-Dystrophie“ heißt diese angeborene Schwäche, bei der die von Anfang an schwache Sehkraft mit zunehmenden Alter weiter nachlässt. Der heute 23-Jährige war also schon immer viel mehr als andere abhängig von seinem Gespür und seinem Gehör.

Blindenstock, Lupe und Lesegerät sind ihm wichtige Hilfsmittel im Leben. Sein Smartphone kann er mit einem Vergrößerungsprogramm nutzen. In der Schule halfen ihm die Mitschüler und ein Fernglas.

Und dennoch, das Fußballspielen ist möglich: „Meine Mitspieler sagen mir, wen ich decken soll. Dem laufe ich dann permanent hinterher. Ich merke an seiner Haltung, ob er an den Ball kommt, und dann versuche ich, ihn zu stören.“ Berthold verkörpert also die Manndeckung alter Schule. Er hat erst zweimal eine Gelbe Karte gesehen in seiner gesamten Laufbahn und noch niemals Rot.

Schon mit fünf Jahren hat er mit dem Fußball angefangen. Für seinen Heimatverein in der Pfalz hat er in der B-Jugend sogar mal ein Tor geschossen. Das 2:0 in der Verlängerung im Pokal. „Ein Schuss ins lange Eck. Es war unglaublich. Das Bild werde ich ewig im Gedächtnis behalten.“

Nach seinem Abitur absolvierte er in Mainz eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Seit fast einem Jahr arbeitet er im Offenbacher Kettelerkrankenhaus und wohnt mit seiner Freundin in Heusenstamm.

Als er sich bei den TSV-Fußballern vorstellte, hatte er anfangs „Sorge, ob es klappt“. Denn daheim bei der Spielvereinigung Oberhausen/Barbelroth „wussten alle, wie sie mich zu behandeln haben“. Auch die meisten gegnerischen Vereine kannten ihn.

In Heusenstamm sei er dann sehr freundlich aufgenommen worden, berichtet Berthold. „Ich werde als gleichwertiger Mitspieler angesehen. Unser Trainer Eray Akgürbüz gibt mir Vertrauen.“ Wenn es draußen dunkel wird, kann er allerdings nicht mitspielen. Das Flutlicht reicht für seine Augen nicht. „Im Training mache ich nur die Übungen ohne Ball mit und dann laufe ich für mich alleine. Mir sind Spiele im Frühling am liebsten, wenn klares Wetter herrscht.“ Dann kann er die Konturen am besten erkennen und die unterschiedlichen Trikotfarben ausmachen.

Philippe Berthold spielt trotz seiner Augenschwäche nicht nur Fußball. Er ist auch leidenschaftlicher Fan von Mainz 05, hat eine Dauerkarte im Stehblock hinter dem Tor und ist bei vielen Auswärtsspielen mit von der Partie. Es gehe ihm gar nicht so sehr darum, die Spiele verfolgen zu können, sondern viel mehr um die Stimmung und das Gemeinschaftsgefühl. Über den Fußball hat er viele Freunde und Bekannte gefunden. „Ich war von klein auf immer auf dem Sportplatz.“

Bei der TSV Heusenstamm ist er auch noch in der Leichtathletik-Abteilung aktiv, hat sogar schon an den Deutschen Para Meisterschaften in Erfurt teilgenommen. Seine Trainerin Anja Ricker arbeitet ebenfalls im Kettelerkrankenhaus, hatte ihn dort angesprochen. In Erfurt wurde Berthold Zweiter über 800 Meter und mit der Staffel, Vierter über 60 Meter, Fünfter im Kugelstoßen und Achter im Weitsprung. Im Fußball belegt er mit seinem Team einen Mittelfeldplatz in der Kreisliga C. Er träumt davon, in Heusenstamm vielleicht einmal sogar in der ersten Mannschaft spielen zu können. „Aber das“, sagt er selbst, „ist utopisch“. (clb)

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