Träume verwirklichen?

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Kochen wollte Kai (Foto) eigentlich nicht. Aber irgendwann hat er damit angefangen.

Heusenstamm - Kochen wollte Kai eigentlich nicht. Aber irgendwann hat er damit angefangen. Inzwischen macht es dem 21-Jährigen richtig Spaß, jeden Tag das Mittagessen zuzubereiten und dann gemeinsam in der Gruppe zu verspeisen. Von Claudia Bechthold

Kai ist einer von 20 Jugendlichen, die an einem neuen Projekt des Kreises Offenbach und der gemeinnützigen Projektgesellschaft KIZ in Offenbach teilnehmen. „Jugend(t)raum“ heißt die Initiative, die an der Frankfurter Straße in Heusenstamm ihren Mittelpunkt hat. „Jugend(t)raum“ sei innovativ, betont Dr. Bernd Curtius, Geschäftsführer der KIZ-Projektgesellschaft. Das Konzept basiere auf der Erkenntnis, dass man mit vielen Maßnahmen für Jugendliche ohne Ausbildung bislang keinen Erfolg gehabt habe, weil die Angebote von den jungen Leuten nicht akzeptiert würden. Und auch Sanktionen hätten da wenig gebracht, weil es den Betroffenen schlicht egal sei, wenn ihnen zum Beispiel das Geld gekürzt werde.

„Wir haben überlegt, wie wir diese Jugendlichen erreichen können“, sagt Curtius. Und sie sollen etwas „mitnehmen“ aus dem Projekt: „Es ist uns wichtig, die Verantwortung für das eigene Leben in die Hände der Teilnehmer zu legen.“ Man wolle den jungen Leuten eine Chance geben, ihre Ziele, ihre Träume zu verwirklichen. Chillen auf Dauer ist langweilig, Und genau darauf bauen die Erfinder des „Jugend(t)raums“. Denn die Teilnehmer werden lediglich verpflichtet, jeden Tag um 9 Uhr in die angemietete Wohnung an der Frankfurter Straße zu kommen. Sonst gibt es keine Pflichten. Jeder kann „chillen“ so viel er möchte.

Der Kniff: Sehen die Jugendlichen, dass andere Bewerbungen schreiben und damit Erfolg haben, kommen sie vielleicht selbst auf die Idee, aktiv zu werden. Haben sie dann tatsächlich Erfolg, steigt ihr Selbstbewusstsein. Ganz sich selbst überlassen werden die 20 Jugendlichen im „Jugend(t)raum“ allerdings nicht. Zu den Betreuerinnen gehört Sozialpädagogin Izel Toga. Sie ist nicht nur als Gesprächspartnerin da, um mit den Teilnehmern über deren Probleme zu sprechen. Sie bietet auch Bewerbungstraining und unterstützt bei der Vermittlung von Praktikums- oder Ausbildungsplätzen.

Und auch Gründungsberater Bodo Ziegler will den jungen Leuten helfen, sich selbst und die eigenen Fähigkeiten zu entdecken. „Aber wir machen den Teilnehmern auch klar, dass sie für ihr Leben selbst verantwortlich sind“, betont Ziegler. Dominic aus Heusenstamm ist 24 Jahre alt. Er hat keinen Schulabschluss. Seine Mutter lebt nicht mehr, zu seiner Familie hat er keinen Kontakt mehr. Er übernachtet bei einem Freund. Aber Dominic hat einen Traum. Er möchte gern als Personenschützer in den USA arbeiten.

Zwar habe man im Jugend(t)raum schnell festgestellt, dass er auch handwerklich begabt ist, aber darin sieht Dominic selbst keine Perspektive. „Ja, ich schraube gern, aber wenn ich das beruflich machen würde, ginge mir ja mein Hobby verloren.“ Seit gut zwei Wochen macht er nun ein Praktikum bei einer Sicherheitsfirma. Und das macht ihm richtig Spaß. Zumal sein Chef ihm richtig was zutraut. „Und er lobt mich jeden Tag.“

Um fest in diese Branche einzusteigen, braucht Dominic eine Sachkundeprüfung. Sobald er eine Zusage vom Arbeitgeber hat, dass er fest eingestellt werden könnte, würde ihm diese Ausbildung auch bezahlt. Und darauf hofft er jetzt, denn „dieser Beruf muss es auf jeden Fall sein“. Es müsse aber nicht gleich der amerikanische Präsident sein, den er bewachen wolle, fragt der Sozialdezernent des Kreises, Carsten Müller, der sich über das Projekt in der Schlossstadt informieren lässt. Nein, antwortet Dominic sogleich, den wolle er gar nicht beschützen.

Seit einem Monat kommt Kai aus Neu-Isenburg jeden Tag nach Heusenstamm. Er ist gerade am Abitur gescheitert. „Da denkt man, man ist nichts, weil man kein Abi hat“, schildert er seine Situation. Das Selbstvertrauen, das ihm gefehlt hat, hat er ganz offensichtlich schon wieder zurück Sein Traum? Er möchte Schauspieler werden. Ihm ist aber bewusst, dass dies ohne Abschluss zu riskant wäre. Deshalb will er jetzt sein Fachabitur machen. 200.000 Euro kostet das Projekt, das der Kreis zu 90 Prozent finanziert. Es sei erst einmal auf ein Jahr begrenzt, sagt Carsten Müller. Man hoffe, 70 Prozent der Teilnehmer in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. „Wir müssen schauen, dass wir die Jugendlichen dort abholen, wo wir sie bisher nicht erreichen konnten“, betont Sozialdezernent Carsten Müller.

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