Prozess vor dem Landgericht

Luxusleben durch Betrug

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Heusenstamm - Der Angeklagte fühlte sich zu hart bestraft, die Staatsanwaltschaft fand das Urteil zu milde. Beide Seiten legten Berufung ein - und widerriefen diese gestern in gegenseitigem Einverständnis in zweiter Instanz vor dem Landgericht Darmstadt. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Damit wird das Urteil des Amtsgerichts Offenbach vom 4. Februar 2013 rechtskräftig: der 22-jährige B., dem wegen achtfachen Betrugs einer Heusenstammer Automobil-Servicefirma drei Jahre Jugendstrafe aufgebrummt wurden, muss nun seinen Arrest in Wiesbaden oder Rockenberg absitzen. Wahrscheinlich ist diese erzieherische Maßnahme für den bis dato nicht vorbestraften Obertshausener auch mehr als einprägsam: waren doch die letzten Jahre seines kurzen Lebens alles andere als entbehrungsreich. Nach dem Realschulabschluss baute B. seine Schüler-Aushilfstätigkeit bei dieser Heusenstammer Firma kontinuierlich aus. War er anfangs nur das „Mädchen für alles“, so leitete er nach eigenen Angaben 2011 bereits ganz alleine die Marketingabteilung.

Mit den firmeninternen Abläufen offenbar bestens vertraut, kam er so auf die krumme Idee, Schwachstellen des Arbeitgebers auszunutzen und in kurzer Zeit viel mehr Geld zu machen als durch ehrliche Arbeit. Dazu gründete B. nacheinander verschiedene Firmen, zuerst auf den Namen der Freundin, später auf seinen eigenen. Diese Firmen dienten allein dazu, Rechnungen mit einem gefälschten Prüfvermerk für Marketingdienstleitungen an die Heusenstammer Servicefirma zu stellen und abzukassieren - ohne Gegenleistung versteht sich. So wurden von Januar bis Mai 2011 insgesamt sieben dieser Rechnungen mit einer Gesamthöhe von rund 500.000 Euro an B. gezahlt.

Eine halbe Millionen Euro verprasst

Bei der achten Rechnung flog der Schwindel durch ein fehlerhaftes Datum auf, die Firma erstattete Anzeige und kündigte B. Der konnte zu diesem Zeitpunkt das „erwirtschaftete“ Geld schon nicht mehr zurückzahlen – das hatte er bereits dem Wirtschaftskreislauf zugeführt. Möbel im gehobenem Preissegment, diverse Rolex-Uhren, wöchentliche Spielbankbesuche in Bad Homburg, eine teure Reise und nicht zuletzt fünf BMWs der Luxusklasse: mit diesem Lebensstil sind auch eine halbe Millionen Euro schnell verprasst.

Und B. verstand es auch danach noch, seine Einkünfte immer unterhalb der Pfändungsgrenze zu halten. Anstatt zu arbeiten, um vom Gehalt die Betrugs-Schulden zu tilgen, lässt sich der ungelernte junge Mann im familieneigenen Gastronomiebetrieb als Geschäftsführer für ein Taschengeld von 600 Euro und die Zahlung der Miete einer Luxusvilla in Dietzenbach zur Eigennutzung einstellen.

„Das sind alles Konstrukte, die danach riechen, gut zu leben und keine Schadenswiedergutmachung leisten zu müssen“, meint Sven Onneken, Vorsitzender der zweiten Strafkammer, „das Wesentliche dagegen ist in zweieinhalb Jahren nicht passiert, nämlich, dass Zahlungen an die Servicefirma geleistet wurden!“ So sieht Onneken auch keine Chance für eine Milderung des Jugendarrests. Im Gegenteil: man müsse eher über die Anwendung von Erwachsenenstrafrecht nachdenken. Dies sei kein typisches Jugenddelikt mehr.

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