Hunger treibt zum Überfall

Heusenstamm/Darmstadt - Auch wenn staatliche Sozialleistungen immer knapper ausfallen: Verhungern muss im Wohlstands-Deutschland eigentlich niemand. Dass trotzdem Menschen aus diesem Grund schwere Straftaten begehen, erstaunt und erschüttert daher umso mehr. Von Silke Gelhausen

Ein solcher „Hunger-Fall“ wird derzeit vor dem Landgericht Darmstadt verhandelt. Die umfänglich geständigen Brüder Wolfgang R. (43) und Thomas R. (42) aus Heusenstamm müssen sich gleich für drei Raubüberfälle verantworten.

Der erste findet am 22. Oktober 2010 in der Videothek Tomin statt. T. hält mit einem Messer den einzigen zu der Zeit im Laden befindlichen Kunden in Schach, der vermummte W. nötigt den Angestellten S. mit einer Schreckschusspistole zur Herausgabe der Tageseinnahmen. Mit 250 Euro flüchten die Täter.

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Bis zum 3. März reicht das Geld zum Überleben, dann muss die erfolgreiche Masche wiederholt werden. Diesmal im Secondhandladen „Frauensache“. Inhaberin H. haftet der Überfall auf die Videothek noch im Gedächtnis und sie hat sofort den richtigen Gedanken, als die Brüder ihr leeres Geschäft betreten: „Jetzt bin ich dran“. Wieder kommen Messer und Pistole erfolgreich für 250 Euro zum Einsatz, mit dem Unterschied, dass die Brüder ihr Opfer diesmal mit Gürtel und Halstuch fesseln, um ungestört abzuhauen. Todesangst haben ihr die ärmlich aussehenden Gestalten aber nicht einjagen können: „Der Täter war genauso nervös wie ich und hat sehr ruhig gesprochen“, sagt H.

„Nicht aggressiv, fast schon höflich“

Wie gewonnen, so zerronnen: ein Inkassounternehmen treibt bei den R.´s kurz nach dem Überfall säumige Beiträge ein. So ist mehr als die Hälfte des Geldes gleich wieder futsch und man geht am 25. März erneut auf Raubzug. Im Buchladen „Das Buch“ trifft das Duo kurz vor der Mittagspause auf drei Personen. Sicherheitshalber verschließen die Männer sofort die Ladentür, Pistole und diesmal auch ein Revolver sorgen dafür, dass rund 400 Euro die Seiten wechseln. Der 19-jährige Praktikant B. muss seine Kolleginnen mit Bastband fesseln, er selbst wird von Wolfgang R. mit Geschenkband verpackt, das B. später zerreißen kann.

„Sie waren sehr zurückhaltend, nicht aggressiv, fast schon höflich“, beschreibt Buchhändlerin M. die Täter. Vor Gericht bestätigen beide ihre „guten Manieren“: jeder einzelne der sechs Zeugen erhält eine persönliche Entschuldigung, die von allen angenommen wird.

Obwohl Richterin Barbara Bunk die Sachlage noch nicht abschließend klären konnte, gilt das Motiv der wirtschaftlichen Not als gesichert. Thomas und Wolfgang wohnten mit ihrem Bruder G. zusammen, alle waren schon längere Zeit arbeitslos. Weil sie in ihrem Leben viele schlechte Erfahrungen mit Ämtern gemacht hatten, scheuten sie, trotz existenzieller Not, einen Antrag auf Sozialhilfe zu stellen.

So kam es, dass der Mietrückstand immer größer, der Strom abgestellt und Schmalhans Küchenmeister wurde. Zum Schluss war die Lage so dramatisch, das sie sich nur noch mit Hilfe eines Satzes Teelichter einmal am Tag ein Süppchen aus Wasser und Mehl kochen konnten. Bei ihrer Verhaftung waren die ehemals übergewichtigen Brüder auf 58 und 45 Kilogramm abgemagert.

Das Urteil im Prozess gegen die Heusenstammer Brüder wird am kommenden Mittwoch erwartet.

Rubriklistenbild: © Michael Grabscheit/pixelio.de

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