Treffen nach Kontaktsperre in Chile

Samuel Nerlich rettet mit Blutplasmaspende ein Leben

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„Kleine Schwester“ und „großer Bruder“: So nennen sich Daniella Melleli und Samuel Nerlich, die sich nach zwei Jahren Kontaktsperre in Chile trafen.

Heusenstamm – Wer vorhat, sich tätowieren zu lassen, wird oftmals mit Aussagen wie „überleg dir das gut, das hast du dann dein Leben lang“ konfrontiert. Daniella Melleli hatte ihre Entscheidung getroffen, doch hatte das Leben selbst andere Pläne: Es würde nur noch wenige Jahre währen. Von Lisa Schmedemann

Der Heusenstammer Samuel Nerlich hat durch eine Blutplasmaspende die damals 27-jährige Chilenin vor dem Tod bewahrt. Er erzählt nun die Geschichte seiner „kleinen Schwester“. Eigentlich hatte Melleli die aplastische Anämie, eine Unterart der Leukämie, mit neun Jahren besiegt – zumindest vorerst. 15 Jahre lang lebte sie mit dem Wissen, dass die Krankheit vom einen Tag auf den anderen wiederkommen könnte. Vor diesem Hintergrund ließ sie ihr Blut überprüfen, bevor sie sich tätowieren lassen wollte. Anstatt schwarze Tinte unter die Haut floss jedoch wieder krankes Blut in ihren Adern. Der Arzt sah damals zwei Möglichkeiten: Entweder findet sie einen Stammzellenspender oder sie muss sich auf ihren Tod vorbereiten. „Was Daniella in den zwei Jahren, in denen sie auf der Suche nach einem geeigneten Spender war, durchgemacht hat, kann man sich kaum ausmalen“, sagt Nerlich.

2016 gab es noch keinen Standort der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) in Chile, was die Suche nicht gerade beschleunigte. Nachdem zwei Spender aus Südamerika nach näherer Untersuchung nicht mehr infrage kamen, führte die „Blutspur“ schließlich in das mehr als 12.500 Kilometer entfernte Heusenstamm. „Im April 2016 habe ich die Nachricht von der DKMS bekommen, dass ich jemandem helfen kann“, erinnert sich Nerlich. „Registriert hat man sich ja schnell, aber dass man wirklich ein Treffer ist, ist schon überwältigend.“ In der Zentrale der DKMS in Köln prüfte man Nerlich zunächst auf Herz und Nieren, um sicherzustellen, dass sein Blut am anderen Ende der Welt ein Leben retten würde. Dort ist ihm schließlich das Blutplasma entnommen worden: Für ihn ein Beutel gelber Flüssigkeit, für eine andere Person eine Art Lebenselixier. „Mein Plasma wurde dann sofort nach Südamerika gebracht, denn es muss innerhalb von 48 Stunden übertragen werden“, erzählt der Spender.

Nach erfolgreicher Transplantation begann die vorgeschriebene zweijährige Kontaktsperre. „Die endete vergangenen Sommer“, berichtet der 42-Jährige. In diesen zwei Jahren hat er noch nicht vollends begreifen können, was es heißt, ein Menschenleben gerettet zu haben. Nach der Sperre durften die Chilenin und der Heusenstammer schließlich Mailadressen austauschen. „Im Juni 2018 erhielt ich dann die erste Nachricht von Daniella“, erzählt er und strahlt. Schnell habe man auch Handynummern und Bilder über WhatsApp ausgetauscht. „Das war, als würden wir uns schon ewig kennen“, beschreibt er. Im vergangenen November wurde er von der DKMS, die gerade einen neuen Standort in Chile eröffnet hatte, nach Südamerika eingeladen, um seinen genetischen Zwilling persönlich kennenzulernen. Melleli hatte man von diesem Vorhaben allerdings nichts erzählt. „Als ich aus dem Flugzeug stieg, hatte ich vor Aufregung schon einen Kloß im Hals“, berichtet Nerlich.

Blut - Saft des Lebens

Die erste Anspannung fiel von ihm ab, als er im Vorfeld auf ihre Eltern traf. „Ich bin ja eigentlich nicht nah am Wasser gebaut, aber da wurden mir die Augen doch ein wenig nass“, gesteht er. Melleli saß inzwischen in einem Liveinterview und ahnte allmählich, worauf die gezielten Fragen der Moderatoren hinausliefen. „Sie brach sofort in Tränen aus, als sie mich sah, und klammerte sich an mich“, erzählt der Spender. Da standen sie nun. Zwei Fremde in inniger Umarmung, ewig verbunden durch dasselbe Blut. Und beide kerngesund. „Sie hat nun meine DNA, also nenne ich sie ‚kleine Schwester‘ und sie mich ‚großer Bruder‘“, erläutert Nerlich.

„Ich habe ja im Grunde nicht viel geleistet“, sagt er bescheiden. Das bisschen Blut spenden könne jeder. „Und wenn man diese Chance schon hat, soll man sie auch nutzen“, fügt er hinzu. Er wolle nachhaltig handeln und damit der Welt etwas hinterlassen, seine Kinder stolz machen. „Als die das in der Schule erzählt haben, kamen Eltern auf mich zu und wollten mehr dazu erfahren“, erzählt er. „Ich würde jederzeit wieder spenden.“

Weitere Informationen unter dkms.de.

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