Jugendwaldspiele in Heusenstamm

Saurer Regen – noch nie gehört

Die Schichten des Waldes sollen die Sechstklässler bei den in die richtige Reihenfolge bringen. - Foto: Mangold

Heusenstamm - Bereits zum 42. Mal haben die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und die beiden weiterführenden Schulen die Kinder eines ganzen Jahrgangs ins Grüne geschickt. Ziel der Jugendwaldspiele ist es, dem Nachwuchs Wissen über Natur näher zu bringen. Von Stefan Mangold 

Appetitlich wirkt der Anblick an der Station von Julia Schlemmer nicht. Ein Schüler kommentiert mit dem Satz, „ich könnt‘ kotzen“. Die Biologielehrerin der Adolf-Reichwein-Schule legt am Waldweg drei Bilder eines toten Fuchses aus, aufgenommen zwischen dem 22. und 28. Juli vor zwanzig Jahren. Binnen der knappen Woche vollzog der Kadaver eine Metamorphose bis fast zur Unkenntlichkeit. Am Ende lässt sich nur noch am buschigen Schwanz erkennen, was für ein Tier das war. Die Atome eines Körpers leben augenscheinlich in jenen Insekten weiter, auf deren Speiseplan Aas steht.

Zum 42. Mal veranstalten Adolf-Reichwein-Schule und Adolf-Reichwein-Gymnasium sowie SDW, unterstützt von den Förstern, die Jugendwaldspiele. „Nur einmal fielen sie aus“, erinnert sich der regionale SDW-Vorsitzende Dietmar Tinat, „das war 1990 nach dem schweren Sturm“. In der Nacht auf den 1. März rasierte der Orkan Wiebke einen Großteil der Bäume ab. Die Aufgabe der Schülergruppen aus den sechsten Klassen liegt darin, möglichst viele Fragen an den neun Stationen richtig zu beantworten, um in einigen Wochen Urkunden und Präsente für den Sieg überreicht zu bekommen.

Am Anfang des Weges hängen Zettel mit Nummern an manchen Bäumen. Die gilt es zu bestimmen. „Sieht aus wie eine Eiche“, sagt Babur, was Eric mit „das ist auch eine“ bestätigt. Von den Jungs, die gerade durch den Wald laufen, wirkt niemand, als halte er sich auf exotischem Neuland auf. Revierförster Bernhard Gerstner schlägt den Lehrerinnen Christine Kirschner und Nina Hofmann an seiner Station „Waldschäden“ vor, sich im nächsten Jahr ein paar Monate vorher zusammen zu setzen und das Konzept zu besprechen. Manche Schüler seien durch den Unterricht vorbereitet und wüssten alles. Andere hörten vom Thema das erste Mal und stünden deshalb wie der „Ochs vorm Berg, dann kann ich keine Punkte vergeben“. Es ergibt in der Tat wenig Sinn, jemanden nach etwas zu fragen, dass er nicht wissen kann.

So hat auch keiner aus der folgenden Gruppe schon einmal etwas vom Sauren Regen gehört, ein Begriff, der in den achtziger Jahren medial im Fokus stand. Der spiele aber nicht mehr die schädliche Rolle von einst, erläutert Bernhard Gerstner. Moderne Filteranlagen in Kohlekraftwerken minderten heute den Austritt von Säure. Der Zustand des Waldes habe sich auch dank der Einführung von Katalysatoren in Autos verbessert. An der Station „Riechen, Schmecken, Fühlen“ muss jemand ein paar Schritte barfuß mit verbundenen Augen laufen, um anschließend zu berichten, worauf er ging. „Dazu hab‘ ich keinen Bock“, herrscht der Grundtenor. Die meisten ziehen es vor, lieber Früchte und Säfte blind zu schmecken. Um die null Punkte für die Gruppe zu vermeiden, zieht schließlich Mehran die Schuhe aus und lässt sich von Susan Abdou über Steine, Holzstücke, Sand und Waldboden führen. Mehran wischt sich hinterher mit der vollen Punktzahl im Rücken die Füße ab.

Dass ein toter Fuchs um einiges schneller verwest als Müll, kann die mittlerweile pensionierte Biologielehrerin Lilo Wagner, die früher die Jugendwaldspiele leitete, nur erklären, auf entsprechende Bilder muss sie verzichten: Eine in den Wald geworfene Zeitung braucht ein Jahrhundert, um zu vermodern. Das Stanniolpapier einer Kekspackung vergeht erst nach 700 Jahren. Wer eine Bierflasche im Gehölz liegen lässt, muss 4000 Jahren warten, bis sie restlos weg ist.

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