Schlichtung zwischen Tür und Angel

Heusenstamm - Am Geldbeutel packt man die meisten Streithähne oder -hennen. Das ist die Erfahrung, die Gerhard Sedlatschek und Franz Stein zu allererst an ihre Nachfolger weitergeben werden. Von Claudia Bechthold

Die beiden Schiedsmänner werden ihre Ämter in den nächsten Monaten abgeben. Die Stadt Heusenstamm ist derzeit auf der Suche nach geeigneten Nachfolgern.

Seit zehn Jahren ist Gerhard Sedlatschek Schiedsmann. Das ist ein Ehrenamt. Zwar gibt es eine gewisse Aufwandsentschädigung: „Aber das sind etwa 70 bis 90 Euro pro Jahr, das reicht gerade, um die Benzinkosten zu decken“, sagt der 73 Jahre alte Oberstudienrat im Ruhestand. Er habe diese Amt dennoch sehr gern ausgeübt, betont er. Weil es Spaß macht Menschen, die sich streiten, wieder zusammen zu bringen. „Wir hatten Nachbarn, die haben 20 Jahre nicht mehr miteinander gesprochen“, berichtet der Rembrücker. Nach der Verhandlung vor der Schiedsamt hätten sie einander die Hände gereicht und sich unterhalten.

Stellvertreter ist seit fünf Jahren Franz Stein

Sein Stellvertreter ist seit fünf Jahren Franz Stein. Der gebürtige Heusenstammer ist seit vielen Jahren an unterschiedlichen Stellen, vor allem aber in kirchlichen Gremien ehrenamtlich tätig. Erfahrung im Schlichten hat der 79-Jährige also ebenfalls mitgebracht. Und die beiden Schiedsmänner waren sich vom ersten Tag an einig, alle Vorgänge gemeinsam zu bearbeiten und auch zu verhandeln.

Franz Stein

Damit waren sie sehr erfolgreich. Immerhin rund 90 Prozent aller Fälle in den vergangenen fünf Jahren konnten sie schlichten, so dass eine Verhandlung vor dem Amtsgericht überflüssig war. Damit liegen sie an der Spitze aller Schiedsämter im Zuständigkeitsgebiet des Amtsgerichts Offenbach. Knapp 160 Streitigkeiten haben Sedlatschek und Stein seit 2007 bearbeitet. Etwa zwei Drittel dieser Angelegenheiten konnten als so genannte Tür- und Angelfälle beigelegt werden. Diese Bezeichnung wird angewandt, wenn ein Streit ohne förmliche Verhandlung vor dem Schiedsamt beigelegt werden konnte. Oft genügen dazu Gespräche mit den Beteiligten.

Nachbarschafts-Streitigkeiten

Gerhard Sedlatschek

Nachbarschafts-Streitigkeiten stehen auf der Häufigkeitsliste der beiden Schiedsmänner ganz oben. „Dabei geht es überwiegend um Probleme mit Pflanzen auf aneinandergrenzenden Grundstücken“, erläutert Franz Stein. Zum Beispiel der Baum, dessen Krone über die Grundstücksgrenze ragt und deshalb seine Blätter in die Regenrinne des Nachbarn „wirft“. Oder die Wurzeln, die in Nachbars Garten Schäden anrichtet. Oder der Baum, der Schatten auf jenes Plätzchen wirft, das der Nachbar im Sommer nutzen will, um sich zu sonnen. Meist beginnen solche Auseinandersetzungen noch harmlos, steigern sich dann aber im Lauf der Zeit. Oft werden dann aus Kleinigkeiten, die sich mit ein bisschen Wohlwollen eigentlich rasch lösen ließen, große Kräche, die mit Beleidigungen und gegenseitigen Provokationen einhergehen.

Der Phantasie der Leute, wie man sich schikanieren kann, ist dann fast keine Grenze gesetzt. Vom Müll, der mit Absicht so hingestellt wird, dass unangenehmer Geruch in die Wohnung des anderen dringen kann, bis hin zu tätlichen Angriffen wie etwa dem Eimer mit kaltem Wasser, der ausgerechnet dann auf der Balkonbrüstung umkippt, wenn der verhasste Nachbar gerade vorbei läuft, haben Sedlatschek und Stein schon so einiges gehört.

Schiedsmänner haben Kurse besucht

Geschlichtet werden können auch solche Fälle oft durch Informationen. „Wenn ich Beteiligten vorlese, welche Strafen das Strafgesetzbuch zum Beispiel bei Beleidigungen vorsieht, steigt die Bereitschaft zur Einigung meist schnell“, sagt Sedlatschek.

Zu Beginn ihrer Tätigkeiten haben die beiden Schiedsmänner Kurse besucht. „Man sollte sich im BGB, im Nachbarschaftsrecht und im Strafgesetzbuch schon ein wenig auskennen“, meint Stein. Und ausgleichend wirken sollte man können.

Rubriklistenbild: © dpa

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