Prozess gegen Dietzenbacher

Ein Schlag mit voller Wucht

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Beamte der Bereitschaftspolizei hatten damals nach Spuren gesucht.

Heusenstamm - Dass dieser Mann aus Habgier eine ältere Dame fast erschlagen haben soll, scheint auf den ersten Blick mit zwei Worten abgehakt: vollkommen abwegig. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Zu „bürgerlich“, zu nett schaut der 48-jährige Angeklagte aus: Jeans, gebügeltes Hemd, adretter Haarschnitt, arglose Gesichtszüge. Der nette Kerl von nebenan, dem man ohne Zweifel den Briefkasten in der Urlaubszeit oder den undichten Waschmaschinenschlauch anvertrauen würde.

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Und bisher hat sich der Vater einer erwachsenen Tochter auch nie etwas zu Schulden kommen lassen. Das Bundeszentralregister sei leer, konstatiert Richter Volker Wagner. Er führt als Vorsitzender der Schwurgerichtskammer am Landgericht Darmstadt seit gestern den Prozess um den brutalen Überfall in der Bleichstraße. Sein Fazit fällt am ersten Verhandlungstag nicht gerade vielversprechend aus: „Wir stehen am Anfang eines umfangreichen Indizienprozesses, dessen Ausgang völlig offen ist!“, sagt Wagner. Denn es gibt weder Augenzeugen noch handfeste Beweis oder gar ein Geständnis des Angeklagten. Dafür jede Menge verschiedenster Spuren, nach denen die Kripo den Dietzenbacher als dringend tatverdächtig ermitteln und folgenden Tathergang rekonstruieren konnte.

Am 12. Oktober 2012 sucht ein Einbrecher gegen 13 Uhr die Parterre-Wohnung der am Tag zuvor 70 Jahre alt gewordenen Rentnerin auf. Über die geöffnete Terrassentür – die Dame ist starke Raucherin und lüftet häufiger – steigt er ein, wähnt sich wohl sicher, das die Bewohnerin nicht zu Hause ist. Tatsächlich isst das Opfer häufig um diese Uhrzeit auswärts zu Mittag. Schnell finden sich die begehrten Objekte: eine große weinrote Geldbörse, eine Panzergoldkette, ein Brillantring, ein breites Goldarmband, weitere kostbare Schmuckstücke. Just in dem Moment, als er die Beute verstaut hat, kommt die vermeintlich Abwesende im Bademantel aus dem Schlafzimmer und überrascht den Täter. Er muss handeln. Ohne langes Zögern schlägt er der Dame mit einem bislang unbekannten Gegenstand voller Wucht auf den Kopf. Ob aus Gewinnstreben um jeden Preis, um der Strafverfolgung zu entgehen oder einfach aus Panik - das Ergebnis bleibt gleich verheerend: Die Dame erleidet ein offenes Schädelhirntrauma mit Impressionsfraktur (eingedrückter Schädelknochen), Quetsch- und Risswunden.

Angeklagter bestreitet Tat

Der Täter flieht wieder über die Terrasse. Der Gewaltakt ist jedoch nicht unbemerkt geblieben. Ein 40 Jahre alter Polizist, der mit seiner Familie über der Dame wohnt, hat einen Schrei und rumpelnde Geräusche gehört. Mit Telefon und einem Zweitschlüssel stürzt er sofort die Treppe hinunter. Der Zeuge: „Sie lag direkt hinter der Wohnungstür, der Kopf in einer riesigen Blutlache. Da ich von einem früheren Suizidversuch wusste, habe ich natürlich zuerst an eine Wiederholung gedacht. Deshalb bin ich auch sofort zu ihr runter!“ Er verständigt den Notruf, versucht, erste Hilfe zu leisten.

Auf dem Flurboden entdeckt er einen Schraubendreher – der später eindeutig dem Angeklagten zugeordnet werden kann – sowie Blutspuren an Terrassentür und -geländer. Ohne sofortige ärztliche Versorgung wäre die Rentnerin gestorben. Sie wird für mehrere Wochen in ein künstliches Koma versetzt, bekommt Reha, erholt sich nur langsam. Die vorher recht rüstige Frau kommt in ein Pflegeheim, ihr Hausstand muss aufgelöst werden. Die ehemalige Wetteramts-Sekretärin sitzt seitdem im Rollstuhl - und kann sich unglücklicherweise an nichts erinnern. Ob sie noch als Zeugin vernommen werden wird, ist offen.

Sicher ist: Der Angeklagte kannte das Opfer, was er auch unumwunden zugibt. Sechs Wochen vor dem Überfall sei er im Auftrag eines Handwerksbetriebes bei ihr gewesen und habe mit Kabelbindern den Terrassensichtschutz befestigt. Dabei habe er auch den besagten Schraubendreher vergessen. „Mit der Tat habe ich aber nichts zu tun“, versichert der Beschuldigte. Was allerdings nicht für eine Unschuld spricht, ist seine eigene Rekonstruktion des 12. Oktobers 2012. Sowohl Polizei als auch das Gericht hören Ungereimtheiten, für die relativ kurze Tatzeit kann er kein wasserdichtes Alibi vorweisen. Er gibt zu, an diesem Mittag bei einer Bank in Tatortnähe gewesen zu sein. Für die schwierige Verhandlung sind drei weitere Tage bis Mitte Dezember geplant.

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