Bei Schneetreiben über die Grenze

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Hans Raue beim Betrachten der ersten Fotos, die nach der Flucht entstanden sind.

Heusenstamm - Es war kalt an diesem ersten Februar 1962. Dichtes Schneetreiben schützt die beiden jungen Männer in der Dunkelheit noch zusätzlich. Normalen Schrittes laufen sie an der Straße zwischen den beiden Harzstädtchen Klettenberg und Mackenrode entlang. Von Claudia Bechthold

Wie ein Film laufen diese Bilder seit einigen Tagen wieder vor dem geistigen Auge des Heusenstammers Hans Raue ab. Die vielen Berichte in Zeitungen und Fernsehen zum 50. Jahrestag des Mauerbaus lassen auch seine persönlichen Erinnerungen wieder aufleben. Wenige Monate nach dem 13. August 1961 hatte er die DDR verlassen.

Die beiden Männer wissen, einen Kontrollposten haben sie noch zu passieren, bevor sie ihren Plan in die Tat umsetzen können. Nervös gehen sie auf den Posten zu, der sie sofort auffordert, sich auszuweisen. Sie zeigen ihre Papiere, die sie als Grenzsoldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) identifizieren, und ihre Ausgangsscheine. Im Kino im Nachbarort Mackenrode wollen sie ihren freien Abend verbringen, erzählen sie den Kontrolleuren. Man lässt sie passieren.

Kaum sind sie außer Sichtweite des Kontrollpostens, ändern die beiden jungen Männer, beide gerade mal 18 Jahre alt, die Richtung. Über ein Feld streben sie in der Dunkelheit der Grenze zu. Jener Grenze, die seit ein paar Monaten so „fest“ verschlossen ist, dass es lebensgefährlich ist, sich ihr zu nähern.

Sie haben Angst, Todesangst

Sie gehen geduckt. Wenn sie ein Geräusch hören werfen sie sich flach in den Schnee. Dann raffen sie sich wieder auf, laufen weiter. Wieder nehmen sie ein leises Klappern wahr. Flach am Boden liegend warten die Männer, ob es sich wiederholt. Nichts rührt sich. Also weiter. Immer wieder hören die beiden das Klappern. Sie haben Angst, Todesangst. Sie wissen, wenn sie entdeckt werden, wird geschossen. Denn so lautet der Befehl.

Irgendwann erreichen sie den verminten Todesstreifen. Als Grenzsoldaten wissen die beiden, es gibt schmale Wege, die frei sind von Minen, für Kontrollgänge der Soldaten. Einen solchen Weg nutzen sie, erreichen durchgefroren und durchnässt den Westen. Am ersten Haus mit Licht in den Fenstern klingeln die beiden. Die Bewohnerin lässt sie ein, trocknet ihre Kleidung am Ofen und macht ihnen erstmal Hackfleischbrötchen.

Hans Raue landet in Offenbach, lernt dort bald seine Frau Rita kennen, Auch beruflich kann er schnell Fuß fassen, macht später nochmal eine Ausbildung zum Maschinenbautechniker. 1977 zieht die junge Familie nach Heusenstamm.

Gegen ihn bestand Haftbefehl wegen Fahnenflucht

Zwei seiner drei Geschwister hat Hans Raue 28 Jahre lang nicht gesehen. Eine Schwester war schon 1954 im Westen geblieben. Seine Mutter hat ihn, als sie ausreisen konnte, dreimal besucht. Zu ihrer Beerdigung durfte er nicht nach Falkenrede bei Potsdam, seinem Heimatort. Denn gegen ihn bestand bis zum Ende der DDR ein Haftbefehl wegen Fahnenflucht. Jedes Jahr wurde er erneuert, das weiß er aus seinen Akten, die bei der Staatssicherheit über ihn existierten.

Und das Klappern, das die beiden während ihrer Flucht immer wieder gehört hatten? „Das war die Seife in einem Kästchen in meiner Manteltasche“, sagt Hans Raue. Heute kann er darüber lachen.

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