Projekt zur Medienkompetenz

Städtisches Kinderhaus Murmel gewinnt Volksbank-Förderpreis

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Marlon, Mia, Isilay, Haeven, Anna-Carina und Nadine üben den Umgang mit einem Tablet.

Heusenstamm - „Klicken erst nach denken“ lautete diesmal die Aufgabe beim Förderpreis „Starke Sache“, den die Vereinigte Volksbank Maingau (VVB) jedes Jahr ausschreibt.

Kinderhaus-Leiterin Gertrud Treutel und Projektleiterin Sonja Kniß mit den Förderpreis-Urkunden.

Mit dem Projekt „Wir können das – fit im Umgang mit digitalen Medien“ hat das städtische Kinderhaus Murmel den ersten Preis in der Kategorie Kindergärten gewonnen. Für sechs Kinder geht es seit einem Jahr im Murmel um das Thema Medienkompetenz. Seit 2011 bewirbt sich die Einrichtung jedes Jahr beim Wettbewerb der VVB Maingau, seit 2015 gewinnt sie regelmäßig. Die Gruppe um die Projektleiterinnen Sonja Kniß und Steffi Eißner besteht aus Vorschulkindern im Alter von fünf und sechs Jahren. Das Gespräch mit Projektleiterin Sonja Kniß und Kinderhaus-Leiterin Gertrud Treutel führte Annalena Barnickel.

Wann und wo geraten Kinder heutzutage in Kontakt mit Medien?

Sonja Kniß: Die Kinder erzählen oft, dass sie im Alltag mit digitalen Medien in Kontakt kommen. Viele Eltern haben ein Tablet oder einen Laptop, das dürfen die Kinder dann benutzen. Gerade auf langen Autofahrten ist das der Fall. Da erzählen sie, dass sie Spiele spielen durften.

Seit wann hat sich dieser Umgang verstärkt und verändert? Bemerkt man auch bei den Kindern eine Veränderung?

Sonja Kniß: Sie interessieren sich schon dafür, aber es nimmt nicht überhand. Deshalb haben wir dieses Projekt gemacht: Es besteht Interesse und gehört zur modernen Welt dazu. Wenn wir den Kindern das also verbieten würden, würde es umso interessanter. Vermittelt man aber früh genug den richtigen Umgang damit, verliert es den Reiz des Verbotenen.

Gertrud Treutel: In Bezug auf die Eltern sehen wir allerdings einen immer stärkeren Umgang. Eltern kommen leider telefonierend in die Kita, obwohl es wünschenswert wäre, dass Kitas handyfreie Zone wären?

Ist es aber nicht Aufgabe der Eltern, die Kinder mit den Medien richtig vertraut zu machen?

Sonja Kniß: Wir arbeiten erziehungsergänzend und greifen deshalb situationsorientiert die aktuellen Themen der Kinder auf. Das heißt jetzt nicht, dass wir jeden Tag digitale Medien zur Verfügung stellen, aber sie schleichen sich eben in den Alltag ein. Wir fotografieren beispielsweise ein Kind, das einen schönen Turm gebaut hat. Das sehen die anderen und wollen jetzt auch ein Foto machen.

Gertrud Treutel: Die Hauptmedien zu Hause sind der Fernseher und das Tablet. Natürlich ist nichts dagegen zu sagen, wenn die Eltern im Stress sind und zum Beispiel ein Geschwisterkind kurz gewickelt werden muss. Wir sehen aber auch, dass Kinder Sachen gucken, die nicht kindgerecht sind. An dieser Stelle wollten wir eben auch Aufklärung betreiben.

Sonja Kniß: Deshalb haben wir einen Elternabend veranstaltet, an dem eine Fachkraft aus dem Medienzentrum dabei war, die für eine Rücksprache mit den Eltern immer zu Verfügung steht. Dort hat sich gezeigt, dass die Anwesenden einem derartigen Projekt im Kindergarten sehr offen gegenüber standen.

Gertrud Treutel: Es hat sich aber auch gezeigt, dass viele überhaupt nicht darüber informiert sind, wie lange das Kind fernsehen darf und was es überhaupt angucken darf. Es gibt zwar die Broschüre „Flimmo“, in der Filme nach Alterskategorien beurteilt werden. Trotzdem ist es aber wichtig, dass nicht alle Filme, die ab drei Jahren freigegeben sind, wirklich für jedes Kind dieses Alters geeignet ist. Denn jedes Kind hat einen anderen Entwicklungsstand und eine andere Empfindlichkeit für bestimmte Themen.

Was sind die Tipps für Erziehungsberechtigte? Was sind die Richtlinien?

Gertrud Treutel: Man muss auf die Kinder eingehen, sie beobachten und beim Fernsehen begleiten. Kinder bis zu drei Jahre dürfen höchstens eine halbe Stunde am Tag fernsehen, Sechsjährige nicht länger als eine Stunde am Tag. Das wird aber meistens weit überschritten.

Um jetzt auf das Projekt zurückzukommen: Was wurde gemacht? Wie war es aufgebaut?

Sonja Kniß: Wir haben uns mit den Kindern zusammengesetzt und grob erklärt, was der Unterschied zwischen digitalen und analogen Medien ist. Dann sind wir zu den Vorerfahrungen gekommen, denn da gibt es große Unterschiede. Manche haben zu Hause freien Zugang zum Tablet, manche gar nicht. Deswegen haben wir auch eine Rallye durch den Kindergarten gemacht. Das war der Grundstein, auf den wir aufgebaut haben.

Gertrud Treutel: Richtig, dabei habt ihr ein Memory-Set über Medien erstellt, welche digitalen Medien es gibt, zum Beispiel Laptop, Kamera oder Fernsehen. Dazu sind die Kinder im Haus herumgelaufen, haben alle Medien, die sie finden konnten, fotografiert und daraus ein Memory erstellt. Damit spielen die Kinder übrigens immer noch regelmäßig.

Sonja Kniß: Die Fotos haben die Kinder selbst gemacht, deshalb sind sie auch nicht perfekt, sondern vielleicht an einigen Stellen etwas dunkler, weil sie gegen die Sonne fotografiert haben.

Wussten alle Kinder, wie die Kamera zu bedienen ist?

Sonja Kniß: Manche ja, manche nein. Das meinte ich mit der Vorerfahrung der Kinder. Deshalb haben wir den Umgang mit einem Fotoapparat vorher noch mal erklärt.

Gertrud Treutel: Und zum Schluss haben sie einen Computerführerschein gemacht.

Sonja Kniß: Genau. Damit zeigen sie, dass sie wissen, wo der Computer seinen Einschaltknopf hat und was sie beachten müssen. Jedes Kind durfte seinen Namen per Computer in Word oder Paint schreiben, um erst einmal ein Gefühl für das Gerät zu bekommen.

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Wie haben die Kinder das Projekt erlebt? Gab es auch Wünsche?

Sonja Kniß: Durchgehend positiv. Sie haben so gut wie immer interessiert und motiviert mitgearbeitet. Fotografieren war ihnen besonders wichtig, genauso wie Tablet und Computer, den sie aus dem Büro der Eltern oder von zu Hause kennen. Ein ganz großer Wunsch war, einen Film zu gucken. Dem sind wir auch nachgegangen. Bei der Gelegenheit haben wir dann einen Film angesehen, den wir mit den Kindern selbst gedreht hatten. Dieser zeigt ein paar Szenen aus dem Kindergartenalltag.

Warum ist es denn nötig, Kinder bereits im Kindergartenalter auf Medien vorzubereiten? Was könnte im schlimmsten Fall passieren, wenn man die Kinder alleine lässt?

Gertrud Treutel: Na ja, ich sehe es an meinem Enkelkind, das bereits viel besser mit einem Tablet umgehen kann, als ich – und mir Sachen erklärt. Im Kindergarten sollte diese Vorbereitung aber vor allem spielerisch ablaufen und nichts wirklich Fertiges sein. Dafür ist dann eher die Schule zuständig.

Sonja Kniß: Im schlimmsten Fall können die Kinder auf falschen Seiten oder Artikeln landen. Viele kennen auch die Plattform YouTube von zu Hause, auf der Kinderserien vollständig abrufbar sind. Wenn nun aber nicht die Kindersicherung eingeschaltet ist, kann man schnell auf einem falschen Video landen. Wenn das Kind ahnungslos auf einen Titel drückt, auf dem ein Hund abgebildet ist, kann das Video sich aber um Tierquälerei handeln und viele grausame Bilder zeigen.

Was ich wirklich besorgniserregend finde, ist der Trend, immer mehr Fotos seiner eigenen Kinder in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram zu posten.

Gertrud Treutel: Auf der einen Seite stellen die Eltern alle Fotos von ihren Kindern in allen Situationen online und bei anderen Gelegenheiten beschweren sie sich, wenn ein Foto von ihrem Kind veröffentlicht wird.

Ist ein weiteres Projekt geplant?

Sonja Kniß: Ja. Also unsere Medienexperten unter den Kindern kommen ja jetzt alle in die Schule. Wir werden diese Medienerziehung aber mit anderen Kindern fortsetzen.

Gertrud Treutel: Und wenn die VVB wieder eine Ausschreibung herausgibt, sind wir wieder dabei!

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