Stolpern mit dem Herzen

Heusenstamm: Stolpersteine in Altstadt erinnern an Holocaust

Heusenstamms Stolpersteine vor dem Verlegen im alten Ort im Jahr 2007.
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Heusenstamms Stolpersteine vor dem Verlegen im alten Ort im Jahr 2007.

„Warum liegen hier Steine mit Namen auf dem Boden? Die Frage des etwa achtjährigen Jungen gilt wohl seiner Mutter, die ihn von der gegenüberliegenden Schule abgeholt hat. Es sind meist die Kinder, die innehalten, sich wundern und ihre Eltern dazu bringen, stehen zu bleiben und ihnen Auskunft über die Stolpersteine zu geben.

Heusenstamm – In dem Haus, vor dem die Steine liegen, lebten der Metzger Hugo Rollmann und seine Frau Rosa Rollmann mit ihrem kleinen Sohn Helmut und der Mutter Jenny Rollmann. Sein Vater Jonas Rollmann hatte 1914 das Haus bauen lassen. 1939 wurden sie gezwungen, Heusenstamm zu verlassen – der Ort sollte ,judenfrei’ werden. So zogen sie nach Frankfurt, wohnten dort in einem der Ghettohäuser. Sie warteten auf die Möglichkeit, nach Amerika auswandern zu können, was ihnen nicht mehr gelang. Am 19. Oktober 1941 werden Hugo und Rosa Rollmann mit dem siebenjährigen Helmut aus der Wohnung geholt und in das Ghetto Lodz im besetzten Polen verschleppt. Wahrscheinlich wurde die gesamte Familie Rollmann im Mai 1942 in das Todeslager Chelmno / Kulmhof bei Lodz deportiert und in den ,Gaslastwagen’ ermordet.

Darum heißen die Steine ,Stolpersteine’, weil man nicht mit den Füßen, sondern mit dem Herzen stolpern soll, wie es ein Viertklässler bei der Verlegung eines der Steine 2007 ausgedrückt hat.“

Diese Zeilen – in Auszügen – stammen aus der Feder von Sabine Richter-Rauch, die vor wenigen Tagen überraschend verstorben ist. Sie hatte damit den Tag des Gedenkens an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz 1945 vorbereitet, der am kommenden Mittwoch, 27. Januar, begangen wird.

In Heusenstamm liegen seit dem 7. März 2007 Stolpersteine. Vor allem im alten Ort erinnern sie vor den Häusern, in denen die jüdischen Bürgerinnen und Bürger lebten, an deren Vertreibung und Ermordung durch die Nationalsozialisten. Fast alle jüdischen Bewohner Heusenstamms überlebten die NS-Zeit nicht. Sie starben in Auschwitz, in Treblinka, in Majdanek, in Lodz / Chelmno, in Lublin und Theresienstadt. Und niemand unter ihnen hat die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die anrückenden russischen Truppen am 27. Januar 1945 oder aus anderen Lagern mehr erleben können. Der 27. Januar wurde von den Vereinten Nationen im Jahr 2005 zum internationalen Holocaust-Gedenktag bestimmt.

„Die Stolpersteine mahnen uns“, schreibt der Vorsitzende des Heusenstammer Heimat- und Geschichtsvereins, Roland Krebs, in einer Mitteilung, „helfen mit, die fürchterlichen Geschehnisse im Gedächtnis zu halten. Sie tragen die Namen und Lebensdaten der Hausbewohner und geben Zeugnis über ihr Schicksal“.

Die ehemalige Initiative Stolpersteine, der Heimat- und Geschichtsverein Heusenstamm sowie die Organisation Miteinander leben – Partnerschaft für Demokratie wollten am kommenden Mittwoch einen Rundgang entlang der Häuser mit Stolpersteinen anbieten, bei dem über das Zusammenleben jüdischer und christlicher Menschen in der Schlossstadt zur Zeit des NS-Regimes weitergehend berichtet werden sollte. Die Pandemie-Auflagen machen dies jedoch unmöglich.

Um dennoch ein Zeichen zu setzen, werden vor den betroffenen Häusern Kerzen angezündet und jeweils eine Rose auf die Steine gelegt. Wer an diesem Tag oder auch schon an diesem Wochenende selbst einen solchen Rundgang entlang der Steine machen möchte, findet weiter unten die Route. Am Mittwoch zeigen zudem in der Dämmerung die Lichter den Weg. (Von Claudia Bechthold)

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