Studie der Hochschule Darmstadt

Mobilitäts-Fallen für Rollstuhl- und Rollator-Fahrer

Heusenstamm - In den Räumen des Horst-Schmidt-Hauses sind seine Bewohner wohl behütet und gut aufgehoben. Wie aber sieht das aus, wenn sie diese Oase verlassen, mit Rollator oder Rollstuhl spazieren oder einkaufen wollen? Von Michael Prochnow

Angehende Bauingenieure von der Hochschule Darmstadt haben mit ihren Dozenten, Professor Jürgen Follmann und Wolfgang Haustein, an einem „Leitbild für die Mobilität der Zukunft im Kreis Offenbach“ gearbeitet, für das sie jetzt einen ersten Teil vorstellten. Bilder von Menschen mit leuchtenden Augen machen im Café die Runde. Die Studierenden Maximilian Birk, Mohammad Esnaashari, Marco Horn und Christiane Köllner haben ihre freundlichen, ja begeisternden Begegnungen mit den „Experten für die eigene Situation“, wie sie sagen, auf Fotos festgehalten. Der gemeinsame Sonntagsspaziergang der vier jungen Leute mit Rolli-Fahrern der älteren Generation hat beiden Seiten viel Spaß gebracht. Klar, begründet Roza Bering, Leiterin des Seniorenzentrums, „wer keine Angehörigen hat, bleibt sitzen“, da sind Gäste mit ein bisschen Zeit gerne gesehen.

Die allgemeine Freude wurde jedoch bald von der Realität ausgebremst. Autos, die mit zwei Rädern auf dem Bürgersteig abgestellt worden sind, machen das Passieren mit den breiten Rollstühlen manchmal zum Vabanquespiel. Auch das Überqueren der Leibnizstraße auf dem Weg zum Zentrum Alte Linde funktioniert nicht ohne Risiko. „Viel einfacher“, gesteht Schieberin Christiane, hat sie sich ihren Job vorgestellt.

Selbst abgesenkte Gehwege, bei denen ein nur noch drei Zentimeter hoher Bordstein überwunden werden muss, stellen ein Problem dar. Denn: Runter auf die Fahrbahn geht’s ja noch ganz flott, aber auf der anderen Seite wieder raufkommen, das brachte selbst die Hochschüler ins Schwitzen. Kippen sie den Begleiter im Rollstuhl in Fahrtrichtung, um erst die kleinen Vorderräder aufs Trottoir zu bringen, oder ist es einfacher das Gefährt rückwärts hochzuziehen? Probantin Christiane demonstriert bei der Vorstellung beide Varianten gemeinsam mit Heinz Weber, dem Vorsitzenden des Heimbeirats im Horst-Schmidt-Haus (Foto). Das Duo sieht bei keiner der beiden Test-Varianten besonders gut aus.

Zumindest auf den „Hauptverkehrsrouten“ der älteren Menschen sollten, so wird es im Experiment empfohlen, noch Randsteine abgesenkt werden. Das nutze dann nicht nur den Senioren, betont Jürgen Follmann, auch Mütter mit Kinderwagen und Sprösslinge mit Dreirädern oder Fahrrädern profitieren davon. Und junge Familien möchte die „Stadt mit der ältesten Bevölkerung im Kreis“ schließlich verstärkt gewinnen. Für den Zuwachs an Rentnern sorge die Demografie schon alleine.

Was die Falschparker angeht, schicke er gerne das Ordnungsamt mit dem Knöllchen-Block in die Herderstraße, reagiert Bürgermeister Halil Öztas auf die Ergebnisse, „das darf nicht sein“. Über die anderen Vorschläge werde er mit den zuständigen Ämtern sprechen, zum Beispiel über ein öffentliches Behinderten-WC und über die Idee, einen Wegeplan mit dem barrierefreien Zugang von Spielplätzen und Parks für Jüngere und Ältere zu erstellen. „Mobilität ist ein Grundbaustein für eine gesellschaftliche Teilhabe und den Erhalt von Lebensqualität“, argumentiert der Professor.

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Doch schon ein mit Tempo 30 vorbeifahrendes Auto erscheine Spaziergängern mit einer Gehbehinderung oft als bedrohlich schnell, vor allem, wenn sie zwischen am Straßenrand geparkten Fahrzeugen auf die Straße treten. Jenen mit Beeinträchtigungen beim Sehen helfen die Ampeln mit akustischen Signalen, einem langsamen Knacken für „Rot“ und einem schnelleren für „Grün“.

Und allen würden „Mobilitäts-Patenschaften“ dienen, erläutert Projektteilnehmer Maximilian. Er könnte sich auch vorstellen, dass Vereinsmitglieder interessierte Fans aus dem Horst-Schmidt-Haus zu Heimspielen der TSV-Fußballer abholen. Die laufen auf dem für Bewohner der Awo-Einrichtung doch fernen Martinsee-Gelände.

Die Darmstädter Studenten wollen die Studie fortsetzen. In Heusenstamm soll der Weg zum Friedhof getestet werden. „Dafür war es den Bewohnern beim ersten Durchgang zu kalt“, sagt Roza Bering. Aber auch in anderen Gemeinden des Kreises will man Wege auf Rolli-Tauglichkeit prüfen.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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