An der Tankstelle flogen die Bälle

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Michi Beck - Tischtennislegende

Heusenstamm - In einem kleinen, verträumten Dorf in Ungarn namens Kivaszar -was auf deutsch Klein-Wasser heißt - wurde am 17. Januar 1937 ein kleiner Junge geboren, dem die Eltern den Namen Josef-Michael gaben. Von Heinz Schiedhering

Es war das erste und auch einzige Kind der deutschstämmigen Eltern namens Beck. Heute wird dieser Junge, in Heusenstamm als Tischtennis-Legende Michi Beck bekannt, 75 Jahre alt.

Die Familie Beck betrieb in Kivaszar eine kleine Landwirtschaft. Als Vater Michael Beck 1939 deutscher Soldat wurde, blieben Mutter Elisabeth und Sohn mit den Großeltern in diesem Dorf. Der kleine Josef-Michael, den alle nur „Michi“ riefen, kam in die Dorfschule, lernte ungarisch, zu Hause aber wurde nur deutsch gesprochen.

Vater kam in russische Gefangenschaft

Der Weltkrieg fand sein Ende, doch nicht für Vater Beck, der noch lange Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft bleiben musste. Als 1946 in Ungarn eine „ethnische Säuberung“ begann, wurden die ersten deutschstämmigen Familien nach Westdeutschland abgeschoben. Im Jahre 1948 hieß das Ziel dieser vertriebenen Familien nicht mehr Westdeutschland, sondern das kommunistische Bruderland „DDR“ war das Ziel. Die Großeltern, Mutter und der nun elfjährige Michi kamen im Güterwagen verladen nach Dresden und wurden dort auf Gemeinden in Sachsen und dem Vogtland verteilt.

Löbau in Sachsen wurde die Zwangsheimat der Familie Beck. Opa Beck machte sich 1950 als „Kundschafter“ auf den Weg nach Westen und landete in einem Auffanglager in Hammelburg. Ein halbes Jahr später folgte ihm der Rest der Familie. Verwandte in Offenbach sorgten dann 1952 dafür, dass die Becks dorthin ziehen konnten. Das Jahr 1953 brachte dann endlich die Rückkehr des Vaters, denn Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte bei seinem Besuch in Moskau erreicht, dass die letzten deutschen Kriegsgefangenen acht Jahre nach Kriegsende in die Heimat entlassen wurden.

Ein Bauplatz in Heusenstamm

Offenbach war dann aber auch nur eine Zwischenstation, denn als 1955 in Heusenstamm von der katholischen Kirche Bauplätze verkauft wurden, packte Vater Beck zu und so entstand in der Schopenhauerstraße eines der ersten Häuser in diesem Bezirk.

Noch in Offenbach hatte Michi seine Liebe für das sportliche Fahrradfahren entdeckt und bei einem seiner Trainingsausflüge wurde er von einem Rennfahrer überholt und auch angesprochen, ob er diesen Sport nicht besser in Obhut eines Vereins betreiben wolle. So kam Michi Beck zum RSC Bürgel und fuhr in den Jahren 1956 bis 1959 für diesen Club erfolgreich etliche Rennen. Als das Kniegelenk nicht mehr mitmachte, kam das jähe Ende dieser Sportkarriere und eine längere sportliche Pause. Anfang der 60er Jahre übernahm Michi mit seiner ersten Frau

Christa die Aral-Tankstelle an der Frankfurter Straße. Aus dieser Ehe gingen die Kinder Michael (47) und Sabine (43) hervor, die ihn inzwischen mit je zwei Töchtern zum vierfachen Opa gemacht haben. In der an die Tankstelle angebauten Auto-Waschhalle wurden dann 1964 die ersten Gehversuche in einer neuen Sportart gewagt und mit einem halben Dutzend gleichgesinnter junger Männer Tischtennis gespielt.

Schnell im Vorstand des TTC

Das blieb dem Heusenstammer Tischtennis-Urgestein und Vorsitzenden des hiesigen Tischtennisclubs, Hans Schroth, nicht verborgen und er machte dort eine „Visite“. Es forderte Michi zu einem Spiel auf und jagte ihn von einer Ecke in die andere. Das war für Michi die Erkenntnis: „Ich kann ja noch nicht richtig Tischtennis spielen!“ Das sollte sich aber schnell ändern, denn Boss Schroth lud ihn zum Training in die TSV-Turnhalle ein und Michi wurde Mitglied des Vereins, dem er bis heute die Treue hält. Mit großem Ehrgeiz spielte er sich über die unteren Mannschaften hoch bis zur Zweiten, in der er fast zehn Jahre mit seinem beispielhaften Kampfgeist aktiv war. Die Vereinsführung hatte aber schon frühzeitig erkannt, dass seine Fähigkeiten auch auf anderen Gebieten lagen und so gehörte er schnell dem Vorstand an.

Anfang der 70er Jahre sorgte Michi Beck dafür, dass mit den Ungarn Janos Sandor und Gabor Anhalt erstmals ausländische Aktive in Heusenstamm Tischtennis spielten und weitere spielstarke Ausländer folgten, als der TTC Heusenstamm noch die Vornamen „Pepsi“ und „Portas“ trug.

Im Jahre 2000 verlegte Michi mit seiner aus Thailand stammenden Frau Urai und Sohn Martin seinen Lebens-Mittelpunkt nach Ungarn, wo er im Thermalbad Harkany zunächst Heilung seiner Knieprobleme fand und sich dort auch im Weinbau engagierte. Als die Kniebeschwerden schwanden war selbstverständlich, dass er wieder zum Schläger griff und im Team von SE Harkany bis voriges Jahr in der Kreisliga spielte. Sohn Martin hat derweil in Ungarn seine Prüfung als Einzelhandelskaufmann abgelegt. Das war mit der Grund, dass sich die Familie Beck zur Rückkehr nach Heusenstamm entschloss, da er in nun auch in Deutschland diesen Beruf erlernen sollte, um in das Sportartikelgeschäft des Vaters einzusteigen. Die Strecke von 1060 Kilometern zwischen Heusenstamm und Harkany soll nun nicht mehr so oft bewältigt werden müssen.

Sicherlich werden nicht nur Tischtennis-Kameraden heute den Weg in die Bleichstraße 2 finden, um zu gratulieren und zu fragen: „Michi, weißt Du noch?“

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