Man macht sich schuldig

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Gebannt verfolgen die Gymnasiastinnen die Schilderungen von Trude Simonsohn.

Heusenstamm - Es wird still, als Trude Simonsohn den Klassenraum betritt, sich ans Pult setzt und ihre beiden Gehstöcke abstellt. „Ihr seid alle vorbereitet und traut euch auch zu fragen?“, sagt Klassenlehrer Claus Bloss. Von Peter Petrat

Doch keiner der 16- bis 18-Jährigen unterbricht die Erzählerin. Von erfahrenem Leid, Todesangst und der Hilflosigkeit zur Zeit des Nationalsozialismus berichtet die Zeitzeugin Trude Simonsohn den 24 Schülerinnen und Schülern einer elften Klasse am Adolf-Reichwein-Gymnasium. Schon oft hat die bekennende Jüdin in den vergangenen 15 Jahren Jugendlichen Rede und Antwort gestanden. 2010 erhielt sie dafür den Ignatz-Bubis-Preis für Verständigung.

„Die Wahrheit siegt.“ An diese Aussage erinnert sich die 90-Jährige noch aus ihrem Geburtsland. Die Tschechoslowakei sei damals ein demokratischer Staat gewesen, betont sie. Doch bereits zur Zeit des Münchener Abkommens 1938 hielten Völkerhass und Rassismus Einzug, auch in der Schule. Bei einer Übung im Englisch-Unterricht, erzählt sie, hatte eine Mitschülerin die Übersetzung einer Hetzschrift vorgetragen und dafür großen Applaus erhalten. Vergessen kann Trude Simonsohn diesen Moment nicht, als sie das Unglück kommen sah.

„Sie können mich nicht beschützen“, hatte sie ihrem Professor entgegnet, der sie zum Verbleib an der Schule überreden wollte. Den aufmerksam zuhörenden Schülern ist die Betroffenheit anzumerken.

Ihr Vater wurde verhaftet, nach Buchenwald, später nach Dachau gebracht und ermordet. Nach mehreren Versuchen, nach Palästina einzuwandern, hat sie weiter in einer verbotenen jüdischen Jugendgruppe gearbeitet, bevor sie verhaftet wurde. Im Alter von 21 Jahren stand sie mit dem Gesicht zur Wand am sogenannten Standgericht, dem Erschießungskomitee. Sie wurde nicht hingerichtet, saß aber lange Zeit in Gefängnissen als politische Gefangene.

„Musik und Kunst können helfen“

„Egal, ob man etwas gemacht hatte oder nicht, man wurde bestraft, sobald man man erst einmal in der Maschinerie geraten war“, berichtet sie. Quälende Ungewissheit, ständige Todesangst, und Einzelhaft waren Alltag für sie.

Einmal habe sie in der schlimmen Zeit sogar der Mut verlassen, gesteht Trude Simonsohn. Als ihr die Meldung vom Tod ihres Vaters und sein Ehering überbracht wurde, wollte sie nicht mehr leben. Doch auch der Freitod war ihr damals nicht möglich. Die Worte einer Zigeunerin im Gefängnis schenkten ihr damals Kraft und Trost.

Durch kleine Akte der Menschlichkeit von einigen wenigen Personen, wie etwa dem damaligen deutschen Polizeipräsidenten ihrer Heimatstadt, kam sie schließlich nach Theresienstadt, wo sie auch ihre Mutter wiedersah. Trotz schlechter Umstände, Hungers und Krankheiten habe die Kultur die Menschen dort am Leben erhalten. „Musik und Kunst können helfen, die menschliche Würde nicht zu verlieren“, betont sie. „Aber“, fügt sie ebenso ausdrücklich hinzu, „man kommt in einer Diktatur nicht mit sauberen Händen davon.“ Man könne nichts Richtiges tun in einer falschen Sache. „Man macht sich immer schuldig, ob man nun etwas tut oder nicht“, führt sie fort und steht dazu, dass sie in einem Tauschgeschäft ihre Mutter aus einem Transport vor dem sicheren Tod gerettet hat, dafür aber einen anderen Menschen dazu verurteilt hat. „Doch, wer hätte das nicht getan für seine Mutter?“, fragt sie.

Sie hat das Martyrium des Dritten Reichs überlebt, hat ihren Mann, den sie in Theresienstadt kennen gelernt hatte, wiedergefunden. Und doch, die Erfahrungen und Erlebnisse haben sie verändert, sagt Trude Simonsohn. Die Schüler werden erst in der Pause etwas mutiger, als sie Geldscheine, Urkunden und Papiere von damals genauer betrachten dürfen. Was das Geld wert gewesen sei, wollen sie wissen. Die Antwort ist einfach: Es war überhaupt nichts wert.

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