Unmöglich, nichts zu sehen

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Gisela Beez erklärt auf dem jüdische Friedhof, warum dort kaum Grabsteine stehen. Am Kriegsende mussten sie als Panzersperren herhalten

Heusenstamm - Es ist keine leichte Frage, die Gisela Beez (64) am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz vor dem Haus an der Heusenstammer Kirchgasse aufwirft, in dem die jüdische Gemeinde Gottesdienste abhielt. Von Stefan Mangold

„Die Häuser stehen hier so eng, dass jeder dem anderen auf den Teller sehen konnte. “ Es war den als arisch geltenden Bürgern unmöglich, nicht mitzubekommen, wie die Nazis ihre jüdischen Nachbarn drangsalierten. Heikel nähme es sich jedoch aus, von heute aus jene zu richten, die sich aus Angst vor Tod und Lager damals still verhielten.

Die ehemalige Geschichtslehrerin erzählt auf Einladung des SPD-Ortsvereins während dessen Winterwanderung zum Thema „Jüdischen Leben“ die Geschichte des Heusenstammers, der mit einem Zwangsarbeiter im Wartezimmer eines Arztes saß. Er bot dem Franzosen eine Zigarette an. „Jemand, der die Szene beobachtete, verriet ihn.“ Anschließend verhafteten die Behörden den Mann. Eine Episode, die das Postulat von Hoffmann von Fallersleben bestätigt: Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.

Mit Ereignissen wie diesen hing es wohl auch zusammen, dass Frauen wie Gisela Beez und Sabine Richter-Rauch in den achtziger Jahren als Mitglieder der örtlichen Friedensinitiative erst keine Möglichkeit bekamen, im Stadtarchiv die Historie der NS-Zeit in Heusenstamm einzusehen. Als diensteifrige Petze wollte sich wohl kein noch Ortsansässiger in den Akten finden lassen. „Uns ging es aber nicht um einzelne Personen, sondern um die Strukturen der NS-Zeit in Heusenstamm“, erinnert sich Beez, die mit ihren Mitstreitern zwei Prozesse gewinnen musste, um Einsicht zu bekommen. Die Ergebnisse samt Interviews mit Zeitzeugen fassten sie in einem Buch mit dem Titel „Spurensuche: NS-Zeit in Heusenstamm“ zusammen.

Mit Unterstützung von Gisela Beez brachte Sabine Richter-Rauch 2008 auf Initiative der Gruppe um die Stolpersteine ein neues Buch mit dem Titel „Sie wohnten neben uns: Die jüdischen Familien in Heusenstamm zwischen 1930 und 1945“ heraus. Vor einem Haus gegenüber der Adalbert-Stifter-Schule sind vier Quader mit den Namen ermordeter NS-Opfer verlegt. Die jüdische Metzgersfamilie Rollmann lebte hier, die 1941 per Deportation im Ghetto landete. „Vermutlich wurden alle durch die Abgase eines Lkw ermordet“, erzählt Beez. Der kleine Bub der Rollmanns hieß Helmut. Er starb mit sieben Jahren. „Der Rollmann hatte immer so gute Wurst“, erfuhr Beez bei der Recherche im Gespräch mit alten Heusenstammern.

„Die Zusammenarbeit mit der Stadt funktionierte heute unvergleichlich viel besser als damals“, freut sich die Historikerin. Der Bürgermeister habe das Anliegen von Gedenktafeln vor einem Jahr interessiert aufgenommen, „wir warten aber noch auf die Umsetzung“. Die Leute der Initiative Stolperstein wünschen sich etwa eine Tafel am Haus der Stadtgeschichte für das ehemalige Gebetshaus. Das hatte der Mob in der Pogromnacht von 1938 verwüstet. „Überwiegend waren das SA-Leute aus Dietzenbach“. Auch für die 200 Zwangsarbeiter, die hinter der damaligen Gaststätte Tivoli in einem Lager hausten, hält Beez eine Tafel für absolut angemessen. Die Gefangenen mussten Ende 1944 die Grabsteine vom jüdischen Friedhof wegschaffen und als Panzersperren aufstellen.

Auf dem Friedhof fragt eine Frau, ob manchmal Juden die Gräber ihrer Ahnen besuchten. Beez verneint. Als einzige Jüdin aus Heusenstamm entkam eine gewisse Berta Frankfurter der Vernichtung, „und die lebt mit 91 Jahren in New York“.

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