„Versöhnung über Gräbern“

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Schwerstarbeit haben die Senioren geleistet, die den historischen Teil des Friedhofs von Ebersdorf wieder hergestellt haben.

Heusenstamm ‐ „Weichenstellerfrau“, „Junggeselle“ oder gar „Frau Fabrikbesitzerin“  steht auf den Grabsteinen, die heute fein säuberlich hergerichtet auf dem Friedhof des polnischen Ortes Domaszkow stehen. Von Claudia Bechthold

Sie alle sind Teil eines so genannten Lapidariums, einer an Ort und Stelle ausgestellten Sammlung alter Grabsteine, das im Sommer des vergangenen Jahres eingeweiht wurde. Und sie sind Teil eines Projekts, das der Heusenstammer Rudolf Schmidt „Versöhnung über Gräbern“ nennt. Domaszkow hieß bis 1946 Ebersdorf. Es liegt in Niederschlesien nahe an der polnisch-tcheschichen Grenze. 1 268 Einwohner hatte es ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 1 268 Menschen, die in eben diesem Jahr allesamt vertrieben, in Züge verfrachtet und zunächst in die damals britisch besetzte Zone nach Westfalen gebracht wurden. Rudolf Schmidt war zu dieser Zeit vier Jahre alt. Gemeinsam mit drei Geschwistern, der Mutter, der Großmutter und einer Tante saß er in einem der Züge. Sechs Wochen waren sie unterwegs, bis man sie schließlich im Kreis Herford bei einem Bauern untergebracht hatte.

„Es war alles noch da"

Rudolf Schmidt (links) mit anderen Senioren beim Aufrichten eines Grabsteins.

57 Jahre später, im Jahr 2003, war Rudolf Schmidt zum ersten Mal wieder in dem Ort, in dem er geboren wurde. Gemeinsam mit seinen Geschwistern war er dorthin gereist. „Es war alles noch da“, erzählt er. Sein Elternhaus etwa, das heute von einem Arzt bewohnt werde. Oder der Bierverlag des Großvaters, in dem sich heute eine Schule befindet. „Wir konnten den Kindern bei einem unserer späteren Besuche erklären, wofür die Schächte an dem Gebäude gut waren, über die sie sich immer gewundert hatten“, sagt Rudolf Schmidt. Es waren jene Schächte, über die Bierfässer zur Lagerung in den Eiskeller verfrachtet wurden.

Aber sie haben auch einen Friedhof vorgefunden, dessen alter Teil verfallen und überwuchert war. Und so wuchs der Wunsch, diesen historischen Teil des Friedhofs herzurichten.

Einmal im Jahr treffen sich die ehemaligen Ebersdorfer zur „Kirmes“ in Löhne/Herford. Im Jahr 2005 konnte bei diesem Fest berichtet werden, dass man die Erlaubnis, den Friedhof zu sanieren, erhalten hatte. Schwierige Verhandlungen waren dem voraus gegangen. Vor allem der katholische Pfarrer hatte wohl Bedenken. Doch Rudolf Schmidt war es aus seinem Berufsleben gewohnt, Probleme zu lösen. Gerade auf vielen Auslandsreisen, die er für den Deutschen Sportbund gemacht hat, hatte er das gelernt. „Und ich hatte dann den Ehrgeiz, etwas zu erreichen“, fügt er hinzu.

Einweihung des Lapidariums im letzten Sommer

Im Sommer 2006 traf man sich mit Schülern und Studenten aus Polen und Deutschland in Domaszkow. Zwei Wochen lang wurde gemeinsam auf dem Friedhof gearbeitet, Grabsteine frei gelegt, gereinigt, dokumentiert. Zudem wurde ein Betonsockel errichtet, auf dem die Grabsteine einen neuen Platz erhalten sollten. Große Unterstützung habe man dabei vom Bauhof des Ortes Domaszkow erhalten. Ebersdorfer Senioren, die noch fünf Mal für je eine Woche in ihre frühere Heimat reisten, vollendeten das Lapidarium, das im Sommer vergangenen Jahres endlich eingeweiht werden konnte.

Vor allem aber habe die Aktion dazu geführt, dass sich die „neuen“ polnischen Bewohner von Ebersdorf und jene, die man 1946 von dort vertrieben hatte, näher gekommen sind, meint Rudolf Schmidt mit ein bisschen stolz. Und die Kinder von Domaszkow haben inzwischen viel über die Geschichte ihrer Heimat erfahren.

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