Versuchter Totschlag an Heusenstammerin

„Da sitzt der Falsche in Haft“

Beamte der Bereitschaftspolizei suchen nach dem Überfall auf die Frau im Feld nach Spuren.

Heusenstamm - Es war ein Verbrechen, das viele Menschen entsetzt hat. An einem Freitag im Oktober 2012 wird eine Frau wenige Tage nach ihrem 70. Geburtstag brutal niedergeschlagen. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Im März 2015 verurteilt ein Gericht in Darmstadt einen damals 50 Jahre alten Dietzenbacher zu sieben Jahren Haft. Eine Revision wird abgelehnt. Jetzt möchte sein neuer Anwalt eine Wiederaufnahme erreichen. 2012 wird einer 70-jährige Frau in ihrer Wohnung an der Bleichstraße von einem Einbrecher am helllichten Tag fünfmal brutal auf den Kopf geschlagen. Sie überlebt nur knapp, ist seitdem auf den Rollstuhl und Pflege angewiesen. 2015 wird ein Dietzenbacher Familienvater, der sich noch nie etwas hat zuschulden kommen lassen, wegen dieser Tat von der Darmstädter Schwurgerichtskammer zu sieben Jahren Haft verurteilt. Es ist ein typischer Indizienprozess, in dem die Vielzahl der Hinweise als Ersatz für echte Beweise zur Verurteilung führen.

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Der Angeklagte geht in Revision, scheitert aber vor dem Bundesgerichtshof. Seit mehr als einem Jahr sitzt er nun seine Strafe ab. Würde er sich zu der Tat bekennen, hätte er gute Chancen, nach zweidrittel verbüßter Haftzeit auf Bewährung frei zu kommen. Doch der Vertriebler für Handwerkzeuge behauptet seit dem ersten Tag seiner Festnahme steif und fest, diese Wohnung am 12. Oktober 2012 nicht betreten zu haben. Vor wenigen Tagen ist der Dietzenbacher 51 Jahre alt geworden. Jetzt kämpft ein neuer Verteidiger um ein Wiederaufnahmeverfahren.

„Dieser Prozess war eine Farce und hätte niemals so ablaufen und enden dürfen“, ist Rechtsanwalt Frank Peter aus Darmstadt überzeugt. Oder man könne auch sagen: Was nicht passte, wurde passend gemacht. Eher durch Zufall ist er an den Fall gekommen, hat sich durch hunderte Aktenseiten gekämpft. „Als mich die Familie anrief und um Hilfe bat, war ich zuerst skeptisch. Natürlich sind ,immer alle unschuldig’. Aber als ich die ersten Aktenseiten studiert hatte, war ich sofort dabei. Da sitzt mit absoluter Sicherheit der Falsche hinter Gittern!“

Beweise verschwunden, Zeugen nicht richtig befragt

Peter will das Verfahren nicht ruhen lassen, auch wenn die Chancen schlecht stehen – nur ein bis zwei Prozent der Anträge auf Wiederaufnahme werden in Deutschland akzeptiert. Zudem muss die Familie für die Anwaltskosten selbst aufkommen. Für diesen Fall ist das Oberlandesgericht in Kassel zuständig, dort liegt die Akte derzeit. Was Anwalt Peter den Urteil-Verantwortlichen vorwirft, klingt heftig und ganz und gar nicht nach einer sauber arbeitenden Justizbehörde: Beweise seien verschwunden, Zeugen nicht richtig befragt und Tatsachen schlicht ignoriert, viele Fragen erst gar nicht gestellt worden.

Der Weg durch die Justiz beginnt für den Dietzenbacher kurz nach der Tat mit einem Anruf der Polizei, den er auf einer Geburtstagsfeier entgegen nimmt. Er solle sofort zu einer Zeugenvernehmung zur Dienststelle kommen, heißt es. Es gehe um den Überfall auf die Dame in Heusenstamm. Davon hat der Vertriebler gehört – er kennt die Seniorin, weil er ihr drei Monate vor der Tat einen Sichtschutz an ihrem Balkon angebracht hat. Eine kleine Gefälligkeit, bei der er sich nur kurz in der Wohnung aufgehalten und einen Schraubendreher aus seinem großen Sortiment im Kofferraum liegen gelassen hatte. Dieses Werkzeug, dem seine DNA anhaftet, wird später als entscheidendes Indiz der Verurteilung Vorschub leisten.

Der Mann wird also auf der Wache vernommen und erzählt ohne Argwohn vom Balkondienst. Sofort wird der Beamte hellhörig und bricht die Zeugenvernehmung ab: Ab sofort ist es eine Beschuldigtenvernehmung. Da Alkoholgeruch in der Atemluft liegt – nicht wirklich verwunderlich, da man ihn ja von einer Feier weg beordert hatte – wird ein Alkoholtest gemacht. Anmerkung im Protokoll: 0,7 Promille um 13.22 Uhr.

Nicht als Beschuldigter belehrt

Das Problem: Die Aussagen des „Zeugen“ hätten nie gerichtlich verwertet werden dürfen, da er zu spät darüber belehrt wurde, als Beschuldigter vernommen zu werden. „Sein Verteidiger hätte vor Gericht auf ein Verwertungsverbot pochen können“, stellt Peter fest. Die Merkwürdigkeiten gehen weiter. Für den Tattag ging per Gerichtsbeschluss eine Anfrage zur Handyauswertung an den Mobilfunkanbieter des Beschuldigten. Das Ergebnis hätte ihn entlasten können, falls er in einer anderen Funkzelle eingeloggt gewesen wäre als in der des Tatorts. Doch nirgends findet sich die Antwort des Providers. Auch eine Handakte verschwindet. In dieser soll sich das Überwachungsfoto eines Mannes befinden, der kurz nach der Tat am Bankautomat mit der gestohlenen Kreditkarte des Opfers Geld abhebt: Dieser Mann sieht dem Verurteilten nicht ähnlich.

Ein Gehölzast, der unter dem Balkon der älteren Dame sichergestellt wurde (der Täter war damals über den Balkon geflüchtet), wird nicht ausgewertet. Der Täter hatte nur 20 Sekunden Zeit für den Schmuck- und Geldbörsendiebstahl – zwischen den Schlägen auf den Kopf des Opfers und dem Auffinden durch den Nachbarn. Er muss sich also in der Wohnung ausgekannt haben, was bei dem Verurteilten nicht der Fall war. Weder im Auto, noch in der Wohnung oder an seiner Kleidung fanden die Ermittler Spuren des Opfers - obwohl Blut spritzte und die Blutspur bis über den Balkon verfolgt werden konnte. So klebt an einem gefundenen Kabelbinder Blut - aber keine DNA des Verurteilten.

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Dies sind nur einige der Tatsachen, die die Schuld des Dietzenbachers erheblich in Frage stellen. Was ohnehin völlig fehle, sei ein Motiv für die brutale Tat, so der Anwalt. Es bleibe ein großes Fragezeichen, warum die Kammer nicht „in dubio pro reo“ entschied. Dieser viel zitierte Leitsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ sei in jenem Prozess geradezu prädestiniert gewesen. Und was am meisten beunruhigt: Es gibt eine Person, die durch die Akte geistert und auf die so gut wie alle Fakten zutreffen – und die sogar ein Motiv hätte. Diese wurde jedoch nie als verdächtig vernommen.

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