„Slam gegen Rechts“ lockt zahlreiche Besucher in die Gustav-Adolf-Kirche

Was wäre, wenn?

Beim Poetry Slam in der Gustav-Adolf-Kirche haben sowohl Profis als auch Debütanten überzeugt.
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Beim Poetry Slam in der Gustav-Adolf-Kirche haben sowohl Profis als auch Debütanten überzeugt.

Heusenstamm – Für Denkanstöße und viel Freude sollte das Gotteshaus auch sonst viel Raum bieten. Diesmal waren die Worte jedoch besonders fein geschliffen: Der Förderverein der evangelischen Kirchengemeinde hatte zwei Arbeitskreise gestartet, die Poetry Slam vermitteln. Aus dem „Dichterwettstreit“ in der Gustav-Adolf-Kirche gingen zwar keine Sieger hervor, dafür aber zahlreiche Gewinner – zwei Leiter, zwei Debütantinnen und rund 30 begeisterte Zuhörer.

Der „Slam gegen Rechts“ wandte sich weniger plakativ gegen Rassismus und Populismus. Vielmehr zeichneten die Wortakrobaten lustvoll und berührend Bilder aus ihrem Alltag und präsentierten ihre Werke in brillanten Auswüchsen der Rhetorik. Sophie Eckert von den Gastgebern dankte eingangs auch dem Bündnis „Partnerschaft für Demokratie“ und der Initiative des Kreises, „Demokratie leben“.

„Das Schreiben von Gedichten ist wieder modern“, freute sich die Literatur-Freundin, „besonders bei jungen Menschen“. Sie treten ein für eine respektvolle, achtsame Sprache. Eckert wünschte sich „Erkenntnisgewinn, Unterhaltung und ein freundliches Miteinander“ – und wurde nicht enttäuscht.

Finn Holitzka aus Offenbach und die Heusenstammerin Lea Weber hatten die beiden vorangegangenen Workshops mit einem Dutzend Teilnehmer geleitet. Zwei von ihnen wagten mit ihren selbst verfassten Beiträgen nun den ersten Schritt ins Rampenlicht. Die Schlossstädterin sinnierte mit „Was-wäre-wenn-Sätzen“, wie unsere Welt aussähe, hätte die Nazi-Bewegung im Keim erstickt werden können. „In den Gesichtern ein Willkommen, in jeder Hand ein Danke“, skizzierte sie. Die Welt wäre „heller, freundlicher, bunter“, doch, „wir können nur die Zukunft ändern“.

Die Teilnehmerin Egy hingegen beobachtete Politiker in Diskussionen: „Jeder möchte Recht haben.“ Das habe sie schließlich auch an sich selbst festgestellt. Sie empfahl eine „Selbstemanzipation“ und formulierte: „Wir haben Augen, aber sehen nicht, wir verstehen, handeln aber nicht, wir beenden, vollenden aber nicht“. „Geraldine“ belegte gleich beide Kurse und trug ihren Text auswendig, kunstvoll vor. Sie schilderte ihren Blick aus dem S-Bahn-Fenster. Den Leistungsdruck verglich sie mit einem Aufzug, die Menschen als Marionetten festgebunden.

„Tommy Smith muss heute Schnellster sein“, berichtete Holitzka von einem Olympioniken. „Gewinnt er, ist er Amerikaner, verliert er, ist er nur Schwarzer“, so lautete die Realität anno 1968. Er hob auch den Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt hervor. „Wir gehen in die Knie, damit wir stehen können“, definierte er Situationen, in denen „die Sprache versagt“.

Lea Weber legte taubstummen Mädchen in der Bahn Worte in den Mund, die sie lästernden Jungen entgegenstellen würden. Die Kunst-Studentin hat zudem ein Buch mit eigenen Illustrationen herausgegeben.

Von Michael Prochnow

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