Die Winterschau des Künstlervereins

Risse und Zerrissenheit

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Einig in der Würdigung des Schwerpunktthemas Risse waren die Gäste der Vernissage zur Winterausstellung des Künstlervereins: Viele Werke sind sehenswert.

Heusenstamm - Hitze und Kälte, Sonneneinstrahlung, Austrocknung oder Alterung sind Ursachen dafür, dass Dinge Risse bekommen. Dem Thema hat der Künstlerverein seine Winterausstellung gewidmet. Von Jürgen Roß

Wenn Heusenstamms Künstlerverein eine Ausstellung eröffnet, darf Vorsitzender Wolfgang Franz auch mal etwas weiter ausholen. An diesem Abend startet er bei nichts Geringerem als der biblischen Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies: „Seitdem der Mensch das Paradies verlassen musste, hat er es mit Verschleiß, Verfall und Rissen zu tun“, begrüßt Franz. Seine Zuhörer sind ins Haus der Stadtgeschichte gekommen, um die neue Winterschau des Künstlervereins zu eröffnen. Dank Franz gibt es auch ganz weltliche Gründe zum Lachen: „Ein gerissener Hosenträger könnte schon zu lebensbedrohlichen Momenten führen“, erklärt er.

Schon mit zwei Sätzen ist viel gesagt über ein Thema, das kaum breiter aufgestellt sein könnte. Die Künstler haben sich mit ihren Werken ebendiesen Rissen und Zerissenheiten gestellt. Musikalisch umrahmt wird die Begrüßungsrede mit klassischer Musik auf der Laute. Ingo Negwer spannt den großen Bogen von der Kunst in die Musik und erinnert daran, dass gerade die Barockzeit eine überaus kreative Epoche war, in der Kunst und Musik zu einer besonderen Blüte fanden. Doch in all die heiteren Worte und Musikstücke gesellen sich auch kritische und nachdenkliche Wort.

Negwer, der seit 1999 die Musikschule Seligenstadt-Hainburg-Mainhausen leitet, ruft die Attentate von Paris vor zwei Wochen ins Gedächtnis. Mit einem Musikstück eines französischen Komponisten aus dem 17. Jahrhundert verneigt er sich vor den Opfern. Auch Wolfgang Franz findet neben seinen vielen humorvollen Querverweisen kritische Worte. In Anspielung auf die politische Zerissenheit der deutschen Gesellschaft versucht er eine geografische Verortung und zieht eine Linie entlang der Elbe: „Links davon liegt das gute Frankfurt, rechts davon das andere Frankfurt“.

Nach seinem gewagten politischen Ausflug nimmt Franz wieder die Kunst in den Mittelpunkt seiner Betrachtung und erinnert daran, dass Risse nicht nur in der Kunst eine Rolle spielen sondern auch in der Architektur: „Der Grundriss ist eine Zeichnung, die für das Entstehen eines Gebäudes von großer Bedeutung ist.“

Zu sehen ist die Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte (Zugang Schlossstraße) bis zum 6. Dezember.

So vielschichtig die Worte ausfallen, so vielfältig sind die Werke, die zu dem Thema entstanden sind. Margarete Mühlenberg beispielsweise hat eine dicke Baumscheibe aus einer kalifornischen Zypresse mit natürlichen Rissen in ihrem Werk verarbeitet. Natürliche Risse, wie sie in der Natur vorkommen, haben die Hobbykünstler sehr deutlich inspiriert. Christel Rukwied hat in ihrem Patchwork-Bild die Vulkan-Risse in der Erde zum Thema aufgenommen. Die Nahaufnahmen von Elke Römer haben ihren Fokus auf rissiger Farbe, während sich Margit Haun mit einer Collage dem Thema nähert.

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