Abseits des roten Teppichs

Dunja Rajter liest aus ihrer bewegten Biografie

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Ein Buch über die Höhen und Tiefen ihres Lebens – so nennt Dunja Rajter ihre Biografie, die sie am 20. April mit passenden Liedern in der Buchhandlung litera vorstellt. Wer das verpasst, kann sie am 8. August bei den Dreieicher Burgfestspielen erleben.

Langen - Die Schauspielerin Dunja Rajter (72) wurde in den 60ern durch ihre Rolle in „Winnetou“ berühmt und machte später als Schlagersängerin Karriere. Jetzt hat sie ihre erste Biografie geschrieben und liest daraus in ihrer Wahlheimat Langen.

Mit Redakteurin Julia Radgen sprach sie über Krisenbewältigung, den Krieg in Kroatien und darüber, was ihre Enkelin mit dem Buch zu tun hat.

Wie sind Sie an das Buch rangegangen? Haben Sie alles aufgeschrieben oder hatten Sie Texte in der Schublade?

Ich habe nach der Geburt meiner Enkelin (Anm., im Juni 2016) angefangen, alles chronologisch aufzuschreiben – per Hand. Das ist wie ein Brief an einen guten Freund. Es ist ein spannendes Buch geworden, von meiner Kindheit im kommunistischen Jugoslawien bis heute.

Das Buch ist ja auch Ihrer Enkelin gewidmet.

Ja, ihre Geburt hat das alles angestoßen. Ich dachte, es wäre schön, wenn sie eine authentische Geschichte von ihrer Oma bekommt. Nach jedem Kapitel habe ich meiner Enkelin ein paar persönliche, erklärende Zeilen gewidmet. Ich wollte eigentlich die Geschichte unserer Familie aufschreiben, aber es ist etwas viel Besseres geworden. Es ist ein Buch über Werte, über Glaube, moralische Dilemmas, über Entscheidungen, Erkenntnisse und natürlich über die Liebe.

Die Liebe findet sich schon im Titel. Warum haben Sie den gewählt?

„Nur nicht aus Liebe weinen“ war eines meiner ersten Lieder, das ich damals mit meinem Ex-Mann Les Humphries aufgenommen habe. Das war fast symbolisch: Ich habe sehr viel geweint in dieser Ehe. Ich habe den Titel gewählt, weil diese Zeile nichts an ihrer Ausdrucksstärke verloren hat. Man soll wirklich nicht aus Liebe weinen.

Die Aussage findet sich gleich im ersten Kapitel Ihres Buches, das erzählt, wie Sie mit Ihrem kleinen Sohn Danny aus der gewalttätigen Ehe mit Les Humphries fliehen.

Ja. Ich habe bei meinem Ex-Mann gemerkt, dass es „eng“ wurde. Er hatte so großen Erfolg und sein Ego wurde riesig. Da war kein Platz mehr für Liebe. Ich bin an einen Punkt gekommen, an dem es keinen Sinn mehr hatte. Ich habe nicht vermocht, meinem Ex-Mann mit meiner Liebe zu helfen. Er war so verblendet durch Erfolg, dann kam der Alkohol ins Spiel. Ich bin gescheitert, aber ich habe losgelassen. Das war das Beste, was ich machen konnte – für mich und meinen Sohn.

Welche Lebenslektion haben Sie gelernt und wollen Sie Ihrer Enkelin und den Lesern mitgeben?

Dass man sich immer treu bleibt. Ich glaube, tief im Inneren weiß man, was gut und schlecht ist. Ich hoffe, dass meine Enkelin das aus meinen Zeilen liest. Sie sollte nie den Glauben an Gerechtigkeit und die Liebe verlieren.

Sie sind seit 2009 mit Ihrem dritten Mann Michael Eichler verheiratet. Es hat bei Ihnen länger gedauert mit dem Glück. Haben Sie immer an die Liebe geglaubt?

Es hat wirklich lange gedauert, bis ich jemanden gefunden habe, der zu mir passt, meine Ansichten teilt und umgekehrt. Ich wollte nie jemanden verletzen. Als ich mich in Les verliebt habe, habe ich das meinem ersten Mann sofort gesagt. Ehrlichkeit ist wichtig. Mein jetziger Mann ist der Mensch, dem ich 100 Prozent vertraue.

Also ganz anders als mit Les Humphries?

Ja, nach außen waren wir ein tolles Paar. Die Boulevardpresse hat über uns und unser Haus geschrieben – diese 18-Zimmer-Villa, in der ich so unglücklich war. Ich hatte alles, aber das Wichtigste fehlte: Liebe, Verständnis und Vertrauen.

Sie waren erst 18 Jahre alt, als Sie 1964 nach Deutschland kamen. Wie war das?

Der Film, der den Durchbruch brachte: Dunja Rajter mit Mario Adorf am Set von Winnetou (1963). Bei den Dreharbeiten kamen sich die beiden Schauspieler auch privat näher und bandelten an.

Ich habe mich gefühlt wie Alice im Wunderland (lacht). Sie müssen sich vorstellen, im kommunistischen Jugoslawien waren die Schaufenster leer. Dann kam ich in diese Konsumgesellschaft mit einem Überangebot. Der erste Besuch war in Frankfurt, Horst Lippmann hat mich zu Schallplattenaufnahmen eingeladen. Überall sah ich Autos, asphaltierte Straßen, tolle Fassaden. Nach dem Krieg war bei uns viel zerstört. Ich habe nur gestaunt. Das war ein Wohlstands-Schock!

Mit den Western „Winnetou“ und „Unter Geiern“ wurden Sie berühmt. Wie war die Zusammenarbeit mit Pierre Brice und Mario Adorf?

Das war eine wunderschöne Zeit. Wir hatten zwischen den Drehs viel Zeit. Man sagt ja: Schauspieler werden fürs Warten bezahlt, nicht fürs Spielen. Und so war es bei uns. Wir sind morgens in die Berge gefahren, wo die Westernstadt aufgebaut war. In dieser Zeit kam man sich näher. Mario hat sich viel mit mir unterhalten und sehr für die Kultur, Tradition und Musik meines Landes interessiert. Vielleicht auch, weil ich ihm gut gefallen habe (lacht). Er hat mir auch gut gefallen. Dass sich da Zuneigung entwickelt hat, ist kein Wunder.

Sie werden auch heute noch auf diese Filme angesprochen. Nervt Sie das oder ist das immer noch schön?

Damals habe ich Witze gemacht, weil es so kleine Rollen waren. Aber die Filme sind einfach Kult geworden. Glauben Sie mir, ich bekomme noch heute ganz viele Bilder aus Winnetou und Unter Geiern mit der Bitte um Autogramme. Damals hätte ich nie gedacht, dass diese Rollen für mich so bedeutend werden, dass ich noch mit 72 dafür Autogramme schreibe.

Ein Kapitel Ihres Buchs haben Sie dem Jugoslawienkrieg gewidmet. Warum?

Der Krieg in meiner Heimat war für mich sehr bedeutend. Diese Jahre waren für mich die schrecklichste Zeit meines Lebens. Und das wollte ich im Buch darstellen.

Sie haben damals auch vor Ort geholfen.

Ich habe mit der Deutschen Lebensbrücke, einer Organisation für notleidende Kinder, Spenden gesammelt. Damals war der Balkan ein Brennpunkt und die Organisation hat mir geholfen, Geld zu sammeln. Auch meine Kollegen haben mitgemacht. Frank Elstner hat sofort 3000 D-Mark für den Hilfskonvoi gespendet. Wir haben dann davon Medikamente, Nahrung und Decken gekauft und nach Kroatien gebracht.

Sie begleiteten den ersten Konvoi nach Kroatien?

Ich war sehr oft unten und habe Kollegen gebeten, mitzukommen. Das war für die Medien interessanter und die Deutschen sollten wissen, was dort passiert. Heino hat sich sofort gemeldet. Da gibt es eine Geschichte von 1992 oder 1993. Wir sind durch besetztes Gebiet gefahren, etwa 20 Kilometer. Der Fahrer sagte, wir sollten uns ducken, es könnte sein, dass wir beschossen werden. Und so war es! Hinterher hatten wir alle Schweiß auf der Stirn. Heino sagte: „Das darf ich meiner Hannelore nicht erzählen, sonst lässt sie mich so etwas nie wieder machen.“ Das war lustig in diesem Moment, der alles andere als lustig war.

OP unterwegs auf der Frankfurter Buchmesse 2017

Wie war es für Sie, das alles noch mal aufzuarbeiten?

Manchmal musste ich Pause machen, weil es mich so mitgenommen hat. Ich habe viel geschrieben, der Krieg hat ja fast zehn Jahre gedauert. Das hat viel Kraft gekostet. Das Buch ist hier mehr als roter Teppich, Glamour und Stars. Das war mir sehr wichtig.

Wie ist es für Sie, hier in Langen zu lesen?

Es ist etwas Besonderes. Wenn ich Leute in Geschäften treffe, sagen sie zu mir, dass sie sich schon auf die Lesung freuen. Es ist klein und sehr persönlich. Hier kennen mich eben viele. Ich wohne auch sehr gerne in Langen.

Obwohl Sie bei der Lesung auch singen, ist es ja etwas Anderes. Sind Sie nervös?

Ach, ich werde nicht so glatt lesen, sondern es auch schauspielerisch darstellen – mit viel Schmunzeln und Betonung. Außerdem freue ich mich, endlich wieder aufzutreten. Letztes Jahr habe ich nur zuhause geschrieben, jetzt kommt die Belohnung.

Könnten Sie sich vorstellen, noch ein Buch zu schreiben?

Ja, zum Beispiel über das Altwerden. Mit dem Alter kommen Erkenntnisse und Aufgaben, aber auch Krankheiten.

Kommen Sie denn gut mit dem Älterwerden zurecht?

Ja, deswegen glaube ich, ich könnte gute Ansätze geben. Es ist wichtig, sich fit zu halten, im Kopf und körperlich. Es gibt doch dieses tolle deutsche Sprichwort: Wer rastet, der rostet (lacht). Das stimmt wirklich! Darüber würde ich gerne schreiben.

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