PROZESS Allein, betrunken und ohne Führerschein neben dem Auto gestanden – aber auch gefahren?

„Absolut sicher“ reicht nicht für Verurteilung

Langen – Verfahren mangels Beweisen ohne Auflagen eingestellt: Zum Prozessende am Amtsgericht Langen gestand Richter Volker Horn ein, dass eine höchst wahrscheinliche, logische Vermutung für eine Verurteilung nicht ausreicht. VON SILKE GELHAUSEN

Er musste einen wegen Trunkenheitsfahrt ohne Führerschein angeklagten 33-jährigen Ober-Rodener ungestraft laufen lassen.

Am Abend des 11. Juli 2018 fällt einem 39-jährigen Autofahrer auf der B 486 zwischen Urberach und Langen ein silberner Mercedes mit unorthodoxer Fahrweise auf. Der Langener beschreibt: „Der fuhr fast rechts auf dem Schotter, schlingerte. Gasgeben und Bremsen erfolgten abrupt. Ich hupte und vergrößerte den Abstand, hatte die Vermutung, da spielt mal wieder einer am Handy!“ Doch das Tonsignal habe nur kurz den Fahrstil korrigiert. „In Offenthal stand er dann links neben mir an der roten Ampel. Ich schaute rüber, der Fahrer fiel durch seine Unruhe auf. Er bemerkte wohl, dass ich das Headset am Ohr hatte“, so der Zeuge. Nach der Ampel sei der Verdächtige schnell losgerast, habe dabei versehentlich den Blinker betätigt. Der Langener ruft die Polizei und gibt das Kennzeichen durch.

„Wie gut haben Sie den Fahrer denn erkennen können?“, fragt der Richter. „Ich hab gesehen, dass er einen dicken Bauch hatte“, so der Zeuge. Der neben Verteidiger Michael Gensert sitzende Beschuldigte ist zwar kein Hungerhaken, aber eine signifikante Plauze ist nicht erkennbar. Was natürlich kein Kriterium ist – man kann ja abnehmen.

Das sich dabei auch oft das menschliche Gesicht verändert, ist bekannt. Denn womöglich lag es an den Kilos, dass der einzige Augenzeuge den 33-jährigen Sachbearbeiter auf einer Lichtbilder-Auswahl nicht identifizieren konnte. Das Passfoto des Verdächtigen schloss der Zeuge bei der Polizei sogar definitiv aus – was nun zum Hauptkriterium für die Verfahrenseinstellung wurde.

Die verständigte Streife hatte den Angeklagten schließlich auf der Dieburger Straße ein Stück vor dem Ortseingangsschild nach Ober-Roden entdeckt. „Er stand neben dem Mercedes und hat in den Grünstreifen uriniert“, erinnert sich eine 25-jährige Dietzenbacher Polizeibeamtin. „Wir überprüften die Halterin des Wagens, das war seine Ehefrau. Ausweis und Führerschein hatte er nicht dabei.“

Letzteres Dokument hätte er auch nicht vorzeigen können – die Fahrerlaubnis war ihm schon Anfang 2016 wegen Gefährdung des Straßenverkehrs entzogen worden. „Die Fahrertür stand offen und die Haube war noch warm. Bei unserer Befragung musste sich der Mann auf der Motorhaube abstützen, so betrunken war er. Der Alkoholtest ergab mehr als zwei Promille“, berichtet die junge Polizistin. „Wir haben den Mann später samt Autoschlüssel an die Ehefrau übergeben. Sie war nicht erfreut über die Lieferung.“

Schon damals verweigerte der Beschuldigte jegliche Auskunft. Vor Gericht will der Sachbearbeiter sich ebenfalls nicht äußern.

Wie sicher kann man davon ausgehen, dass derjenige, der allein auf weiter Flur neben einem motorwarmen Auto steht, auch selbst gefahren ist? Fazit: Was im Alltagsleben mit „absolut sicher“ beantwortet werden würde, reicht für die Justiz noch lange nicht.

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