Einblicke in Pilotprojekt auf Kläranlage

Abwasser soll sauberer werden

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Blick ins XXL-Labor: Betriebsleiterin Eva-Maria Frei (links) klärt die Besucher über die Geheimnisse der Abwasserreinigung auf.

Langen - „An den Geruch muss man sich erst mal gewöhnen“, hört man es vor den Toren zur Kläranlage des Abwasserverbandes. Von Timo Kurth

Interessierte Bürger nutzen dort die Gelegenheit, Einblicke in ein bundesweit einmaliges Forschungsprojekt zu bekommen: Der Abwasserverband testet in Kooperation mit Wissenschaftlern der TU Darmstadt, wie Rückstände aus Arzneien, Haushalts-Chemikalien oder Kosmetika aus dem Abwasser entfernt werden können.

Das Problem ist nicht erst seit gestern bekannt. Mittlerweile gelten mehr als 150 verschiedene Arzneimittel in deutschen Gewässern als nachgewiesen. Viele Wirkstoffe der Arzneien werden fast unverändert ausgeschieden oder nach Ablauf von Haltbarkeitsfristen unbedacht in die Toiletten des Landes geschmissen. So landen sie im Abwasser und gelangen in die Natur, wo sie nicht hingehören: Rückstände aus Medikamenten, Kosmetikprodukten und Ähnlichem brachten bereits vielen Fischen den Tod, ist man sich sicher. Auch für den Menschen besteht gesundheitliches Risiko, ist sich die Forschung einig. „Aber auch Phosphorrückstände sollen hier nahezu vollständig aus dem Wasser gefiltert werden“, erklärt die Geschäftsführerin des Abwasserverbandes, Eva-Maria Frei, zum Ziel des Projekts. Der Stoff gefährde das Gleichgewicht besonders – denn: „Übermäßiges Phosphor sorgt für unnatürlichen Algenwachstum.“ Arzneimittelrückstände standen lange Zeit nicht im Fokus der kommunalen Kläranlagen, sind diese doch meist darauf ausgerichtet, nur biologisch leicht abbaubare Stoffe zu filtern. Hier in Langen wird daran nun praxisnah geforscht. „Eine normale Klärung endet bereits nach der dritten biologischen Reinigungsstufe“, erklärt Frei vor einem guten Dutzend Zuhörer. „Wir haben jetzt noch eine vierte Stufe nachgeschaltet.“

Ein Bruchteil von rund fünf Prozent des Abwassers landet über eine kleine unscheinbare Leitung in der Halle, wo es in großen Behältnissen den wissenschaftlichen Tests unterzogen wird. In riesigen Behältern werden dort zwei verschiedene Filtermethoden getestet: Tuchfilter und Membranfilter. „Der Tuchfilter funktioniert wie ein Sieb, Membranfilter eher wie ein Kaffeefilter“, vereinfacht Frei zur Freude der Laien im Publikum. Doch was klingt wie eine leichte Technik, hat es in sich: Riesige Wannen mit komplizierten Apparaturen und angeschlossener Technik prägen das Bild dieses XXL-Versuchslabors, das noch mindestens 16 Monate auf der Kläranlage verbleiben soll. Zwischen den Geräten finden sich Schreibtische, auf denen sich kompliziert-chaotisch anmutende Wertetabellen und Protokolle stapeln. „Wir sind für den Betrieb zuständig und die Wissenschaft erledigt ihren Teil“, kommentiert Andreas Haufschild vom Team der Kläranlage beim Vorbeigehen. „Diese Reinigungsstufe ist auch aus Kostengründen noch nicht fest installiert“, sagt Haufschild, während er ein Teilstück der Membranfilter zeigt. Besonders die Filterung mit Membranen sei extrem kostenaufwendig. „Sie ist allerdings auch die feinere Methode, die auch mikroskopisch große Teilchen filtert.“

Ein trauriges Bild zeigt sich neben der Anlage, wo das mühsam gefilterte Abwasser nicht etwa in die Natur abfließt, sondern im bräunlichen Sumpf des ungereinigten Belebungsbeckens der Kläranlage landet. „Bisher dient die Anlage eben nur dem wissenschaftlichen Zweck“, kommentiert Haufschild die Szenerie. Rentner Bruno Otterbein aus Langen würde eine feste Installation nur begrüßen. „Mit über 80 Jahren weiß ich ja, was für Medikamente alle im Abfluss landen können“, so der Rentner schmunzelnd. „Und viel davon landet letztendlich wieder in unserem Essen. Das muss sich ändern.“ Dass Politik und Wirtschaft die Kosten dafür tragen, ist für ihn nur eine Frage der Zeit. „Phosphor ist schließlich eine endliche Ressource, die man nicht einfach im Abwasser versenken kann.“

Wie werde ich Kanalbauer/in?

Dass das Projekt durchaus als einmalig in Deutschland gelten kann, beweisen Besucher, die von weit her zur Führung angereist sind. „Wir planen und bauen ebenfalls kommunale Kläranlagen“, berichtet Diplom-Ingenieur Helmut Hufgard vom Ingenieurbüro Jung aus dem bayrischen Kleinostheim. „Ich kann mir gut vorstellen, dass die getesteten Filteranlagen früher oder später zum Standard werden – auch deshalb bin ich heute hier“, verrät er. „Außerdem habe ich bei einem der betreuenden Professoren vor Jahrzehnten meine Diplomarbeit geschrieben“, fügt er hinzu. Auch Liu Huping schaut die gezeigten Anlagen genauer an. „Mein Heimatland China sieht es mit dem Umweltschutz bekanntlich nicht so genau“, so der gebürtige Chinese, der erst seit einigen Jahren in Deutschland lebt. Der Umwelttechniker würde sich eine transnationale Kooperation bei der Reinigung von Abwasser wünschen. „Ich hoffe, in einigen Jahren wird besonders China gewillt sein, solche Anlagen zu errichten. Dann brauchen sie die Hilfe der Deutschen“, sagt er mit Blick auf die Anlage.

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