Schnittwunden versorgen und Ernährungsfragen beantworten

AES-Pilotprojekt: Schulkrankenschwester auf Probe

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Wenn Schüler über Schwindel klagen, greift Hannah Steiger zum Blutdruckmessgerät, chronisch kranken Kindern hilft sie bei der Medikamenteneinnahme. Noch bis zum Jahresende ist die 25-Jährige im Rahmen des Modellprojekts Schulgesundheitskraft an der Albert-Einstein-Schule.

Langen - Albert-Einstein-Schüler mit akuten Schmerzen, chronischen Krankheiten oder Fragen zu Gesundheitsthemen sind bei Hannah Steiger richtig. Seit Kurzem verstärkt die Krankenpflegerin das Schulteam – als eine von zehn Gesundheitsfachkräften im Rahmen eines hessischen Modellprojekts. Von Julia Radgen

Zaghaft klopft es an der halb geöffneten Tür des Sprechzimmers. Ein Mädchen tritt ein, begleitet von einer Mitschülerin. Ihr sei schwindelig geworden, eben im Sportunterricht. Hannah Steiger misst ihren Blutdruck und den Puls. „Deine Werte sind aber gut“, sagt die Schulgesundheitskraft. Sie fragt das Mädchen, ob ihr öfter schwindelig sei und ob sie genug getrunken habe. Dann kehrt die Schülerin in den Unterricht zurück. „Setz dich aber am besten erst mal eine Weile hin“, rät Steiger.

Etwa 20 Mal pro Tag kommen Schüler in das Sprechzimmer, das im früheren Sanitätsraum der Integrierten Gesamtschule in Oberlinden eingerichtet wurde. Er wirkt wie eine kleine Arztpraxis, ist mit einem Tisch und einer Liege ausgestattet. Die 25-Jährige kümmert sich darin um die Gesundheit der 500 Schüler. „Die meisten kommen mit Kopf- oder Bauschmerzen“, sagt die examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin.

Aber auch für kleinere Verletzungen – wenn sich Schüler gestoßen haben oder geschubst wurden – sowie für chronisch kranke Jugendliche ist Steiger die erste Ansprechpartnerin. Sie dürfe zwar nicht ohne Weiteres Medikamente verabreichen, aber manche Eltern haben ihr in Rücksprache mit dem Arzt bereits ein Ersatzmedikament für ihr Kind anvertraut, beispielsweise für Asthmatiker.

„Ich bin Ansprech- und Vertrauensperson für die Schüler“, sagt Steiger, die im Sommer ihr Studium zu Pflege und Gesundheitsförderung in Darmstadt abgeschlossen hat. Die meisten Jugendlichen sprechen sie mit „Schulkrankenschwester“ an – das ist einfacher als der sperrige Term, unter dem das Kultusministerium Steiger und ihre neun Kollegen in Hessen führt. Mit dem Modellprojekt testet es zusammen mit dem Gesundheitsministerium, der Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung (Projektträger) und weiteren Partnern die Einführung der Schulgesundheitskräfte.

Abschlussfeier der Albert-Einstein-Schule

Dass es durch das Projekt endlich eine Schulkrankenschwester an der Albert-Einstein-Schule gibt, ist für die Leitung ein Glücksfall. „Die Erstversorgung erledigte bislang das Sekretariat nebenbei“, sagt Rektorin Susanne Fritz. Der Schulsanitätsdienst habe zuvor brach gelegen, die Bereiche Beratung und Prävention liefen eher „schlecht als recht“, schildert sie. All das sei dringend nötig, da Kinder durch Ganztagsunterricht mehr Zeit in der Schule verbringen – aber auch eine Kostenfrage für die Schule.

„Das Modellprojekt ist eine spannende Sache für uns, aber auch sehr arbeitsaufwendig“, betont Fritz. Zunächst musste die Schule den akuten Bedarf und die Aufgaben ihrer neuen Kraft festlegen. Zudem wird alles fein säuberlich dokumentiert, denn die Daten des Modellprojekts werden anschließend ausgewertet. Damit hat die Schule auch häufige Fehlzeiten bei einzelnen Schülern stärker im Blick. Anfangs gab es zwar Probleme bei der Umsetzung – so durfte Steiger nach den ursprünglichen Auflagen des Ministeriums nicht einmal eine Wunde bei Schülern säubern –, doch diese „Kinderkrankheiten“ seien nun beseitigt. „Es ist toll, dass wir jetzt für all das eine Fachkraft haben“, resümiert Fritz.

Wenn es nicht akut ist, kommen die Schüler meist in den Pausen zu Hannah Steiger: „Meine Tür ist immer offen, ich vereinbare aber auch Gesprächstermine.“ Viele der Zehn- bis 17-Jährigen haben Fragen zur Ernährung, dem Abnehmen, andere Redebedarf wegen Depressionen. Manche Mädchen wenden sich in puncto Periode an sie, andere Schüler in sexuellen Fragen, die sie nicht mit den Eltern besprechen möchte. „Es ist eben die Pubertät“, sagt Steiger, die der Schweigepflicht unterliegt. Für sie ist der Job die optimale Verbindung aus akuter Hilfe und Präventionsarbeit.

Dabei hat sie in der kurzen Zeit bereits Einiges realisiert: So bekamen die Schüler der siebten und achten Klassen einen Crashkurs in Herz-Lungen-Wiederbelebung. „Das wollen wir verstetigen und am besten jedes Jahr wiederholen“, sagt Steiger. Von den Lehrern der Fünftklässler erfuhr sie, dass die wenigsten Kinder morgens frühstücken. „Deshalb habe ich sie in den Klassen besucht und ihnen erklärt, wie wichtig Frühstücken für die Gesundheit ist“, sagt die junge Frau. Da viele der Unterstufler häufig über Kopfschmerzen klagen, organisiert sie kurzerhand ein Sehtest an der Schule. Bei vielen sei der letzte in der ersten Klasse gewesen. Häufig kommen die Lehrer auf Steiger zu und sie kann entsprechende Angebote umsetzen.

Mit 500 Schülern ist die AES die kleinste der teilnehmenden Einrichtungen. „Aber der Bedarf ist hier schon sehr groß“, sagt Steiger. Nach Abschluss des zweijährigen Projekts sollen dauerhaft Stellen für Gesundheitsfachkräfte eingerichtet werden. Darauf hofft auch die Integrierte Gesamtschule in Oberlinden.

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