Bewährungsstrafe und Berufsverbot

Anwalt bringt Drogen ins Gefängnis

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Langen/Dieburg - Die Schleuse der Justiz-Vollzugsanstalt Dieburg: Jeder, der dort hinein will, muss an ihr vorbei, muss sich abtasten lassen, den Inhalt seiner Taschen leeren. Jeder – bis auf die Anwälte der Insassen. Von Sarah Neder 

Ein ehemaliger Strafverteidiger aus Langen nutzte diesen Vorteil aus. Drei Mal brachte er einem Mandanten Drogen mit: das Medikament Subutex (ein Ersatzstoff für Heroinabhängige, der selbst stark süchtig macht) und Haschisch. Für diese Straftat musste sich der Ex-Anwalt gestern vor dem Dieburger Amtsgericht verantworten. Die Anklage der Staatsanwaltschaft: Beihilfe zum Handel mit Betäubungsmitteln.

Zu Beginn der Verhandlung räumt der Langener alle Vorwürfe ein. Der 60-Jährige im dunkelblauen Jackett stützt die Ellenbogen auf den Tisch, gestikuliert selbstsicher, redet laut und deutlich. Ja, er habe das Rauschgift in die JVA geschleust. Ja, es tue ihm leid. Und ja, so etwas dürfe nicht passieren, sagt er. Schon seit Mitte der 90er Jahre habe er den Mandanten verteidigt; zwischen ihnen sei ein freundschaftliches Verhältnis entstanden. Anfang 2013 habe der Inhaftierte seinen Anwalt gebeten, ihm Drogen mitzubringen. „Er hat geweint. Ich dachte, er braucht das Zeug für sich selbst“, schildert der Langener. Dass sein Mandant den Großteil der Drogen an andere Inhaftierte weiterverkaufte, habe er nicht gewusst. Zwar ging er das Risiko ein, profitierte habe er jedoch nie von dem Handel.

„2013 war mein Unglücksjahr“

Obwohl er das Geld hätte gebrauchen können: „2013 war mein Unglücksjahr“, sagt der Angeklagte. Er verspekulierte immense Summen am Immobilienmarkt, fiel in ein Schuldenloch, verlor seine Eigentumswohnung und später seine Zulassung als Anwalt. Seine Frau trennte sich. Die Polizei fasste M. alkoholisiert am Steuer – seine einzige Vorstrafe bis dato. Wenig später dann der Drogendeal – er habe sich selbst nicht mehr verstanden, sagt er heute. Die als Zeugen geladenen Polizeikommissare schildern ihre Ermittlungen: Bis zum Zugriff mussten sie eine lange Kette an Hinweisen verknüpfen. „Wir hatten einen Tipp bekommen, dass der Insasse im Knast handelt“, berichtet ein Kommissar.

Um Beweise zu sammeln, hörte die Polizei Telefonate des Gefangenen ab, in denen er über bestellte Ware sprach. „Da wuchs der Verdacht auf Drogenhandel“, erklärt der Polizist. In einem Ermittlungsverfahren gegen einen anderen Insassen der JVA Dieburg wurden ebenfalls Gespräche abgehört, in denen es um die Lieferung der Subutex-Tabletten ging. Dabei fiel die Adresse des Angeklagten und so „schloss sich der Kreis“, sagt der Kommissar. Der Mandant ließ Dritte die Drogen in den Briefkasten des Anwalts werfen, dieser brachte sie in den Knast. Beim nächsten JVA-Besuch des Langeners stellte ihn die Polizei. „Der Angeklagte zog sofort einen weißen Umschlag mit den Hasch-Kügelchen aus seiner Jackentasche“, erinnert sich der zweite Kommissar. Nach seiner vorläufigen Freilassung begab sich der Anwalt in psychologische Behandlung. Das Gutachten seines Arztes bestätigt, dass er sich in einer schweren Lebenskrise befand.

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Die kooperative Haltung und sein desolater psychischer Zustand zum Tatzeitpunkt kommen ihm beim Urteil zugute. Schöffen und Richter legen die Freiheitsstrafe für Beihilfe zum Handel mit Betäubungsmitteln auf ein Jahr und zehn Monate fest. Sie wird für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt mit der Auflage, die Psychotherapie fortzuführen. Außerdem verhängt die Justiz ein Berufsverbot. Der Langener darf, falls er seine Zulassung zurückbekommt, eineinhalb Jahre lang weder als Strafverteidiger für Drogenkriminalität noch mit Inhaftierten arbeiten. Der Angeklagte nimmt das Urteil sofort an.

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